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DER ERSTE AKT
DIE ERSTE SZENE
An dieser Stelle sollte eigentlich ein Chor auftreten, denn so gehoert es sich
fuer eine Tragoedie, doch im Zuge der allgemeinen Sparmassnahmen wurde der
Chor gestrichen und Ulo und Azzuro bekamen zusaetzlich zu ihrer normalen
Aufgabe die Pflicht aufgebuerdet, Sie, verehrte LeserInnen, ueber die jeweils
aktuelle Lage auf dem Laufenden zu halten, fuer den Fall, dass Sie eine
Zusammenfassung oder einen Kommentar wuenschen. Auch wenn Sie dies nicht
wollen, werden die beiden Sie informieren, denn dafuer werden sie schliesslich
bezahlt.
Ulo holte tief Luft und setzte sich in Positur. "Two households, both alike in
dignity, in fair Verona, where we lay our scene..."
"Ach, sei ruhig." knurrte Azzuro.
"Was denn, was denn? Sonst stehst du doch auf die Klassiker?" Ulo mochte es
gar nicht, mitten in einem Zitat unterbrochen zu werden.
"Denk doch mal an die Leser!"
"Und Leserinnen."
"Ja, die auch. Sie wollen doch nicht ein englisches Zitat lesen."
"Woher weisst du das?"
Bitte stellen Sie sich vor, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie im Theater
sitzen und sich Ulo nun an Sie wendet. "Sagen Sie mir, was Sie hoeren wollen.
Jaja, auch Sie, dahinten in der vierzigsten Reihe Parkett, ganz links."
Nun, ich gehe davon aus, dass Sie, auch der Herr ganz links in der vierzigsten
Reihe Parkett, mit Shakespeare vertraut sind. Daher erspare ich ihnen das
Zitat und fasse den Inhalt kurz zusammen. Gerade stoesst mich Azzuro an und
verweist auf die Gewerkschaft. Sie entschuldigen mich bitte, ich ueberlasse
die Zusammenfassung unseren beiden Turtelkraehen.
"Du oder ich?" Ulo ist weiblichen Geschlechts und immer bereit, Azzuro eine
unangenehme Aufgabe zu ueberlassen.
"Egal."
"Dann du." Meistens hat Ulo Erfolg mit ihrer Taktik.
"OK. Wir finden uns in Verona wieder, Zeit irgendwann. Zwei Familien leben
hier."
"Es sind bestimmt noch mehr."
"Das ist doch nicht wichtig, oder? Es geht nur um die Capulets und die
Montagues."
"Wirklich?"
"Nein, nicht wirklich, aber die beiden sind die wichtigsten, denn sie sind
schuld daran, dass sich die ganze Stadt in zwei feindliche Lager gespalten
hat."
"Das ist doch Unsinn. Schuld daran ist niemand anderer als der Autor."
"Ulo!"
"Schon gut."
Azzuro strich mit dem Schnabel ueber das Gefieder. "Aus irgendeinem lang
vergessenem Grunde liegen die beiden Familien in Fehde miteinander und die
jungen Leute einer jeden Generation finden immer wieder die Moeglichkeit, die
Fehde nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Laufe der verschiedenen
Hochzeiten, Geburten und Taufen haben sich alle Bewohner Veronas in irgendeine
Beziehung zueinander gesetzt und da die Capulets und die Montagues die beiden
aeltesten Familien sind, haben alle Buerger auch eine Beziehung zu der einen
oder anderen Familie. Sei es, dass Onkel Adalbert der Vater der Frau war, die
der junge Montague vor zwanzig Jahren ins Unglueck gestuerzt hat, weil er ihr
die Rosen nicht gegeben hat, die doch der Bruder des Cousins seines besten
Freundes ihm ausdruecklich fuer diese Frau uebergeben hatte."
"Du schweifst ab.", tadelte Ulo.
"Aber wie soll ich es denn sonst erklaeren?"
"Ist doch einfach: Verona ist ein Dorf."
"Oh."
Triumphierend blickte Ulo auf ihren Gefaehrten. "Und ein Dorf ist ein Dorf ist
ein Dorf ist ein Dorf."
"Also gut. Verona ist ein Dorf, das in zwei Teile gespalten ist. Jeder hat
einen Groll gegen jeden anderen."
"Und jedE hat einen Groll gegen jedE andere." Ulo hatte die bemerkenswerte
Faehigkeit, Grossbuchstaben auszusprechen.
"Ja." Azzuro seufzte. "Wie auch immer. Die beiden Familien haben jede einen
Sproessling. Romeo Montague ist ein huebscher Bengel von achtzehn Jahren, der
eines Tages das Geld und die Fehde von seinem Vater erben wird. Julia, die
einzige Tochter des Hauses Capulet, wird einmal bildhuebsch, wenn man sie noch
ein paar Jahre auf die Weide schickt."
"Wie kannst du das sagen?"
"He, sie ist erst dreizehn!"
"Alt genug, um demnaechst verheiratet zu werden. Und bereits jetzt schoener
als Helena."
"Was hat Helena damit zu tun?" Azzuro duckte sich sicherheitshalber.
"Helena von Troja."
"Ach so, die. Jaja, meinetwegen ist sie schoener als Helena."
"An wen dachtest du denn?", verlangte Ulo zu wissen.
_Sie_ _hat_ _schon_ _wieder_ _diesen_ _Tonfall_, dachte Azzuro. "Niemanden,
selbstverstaendlich. Ausser dir sehe ich doch keine Frau an, Liebste, das
weisst du doch."
"Ist auch besser so."
Zwei Maenner betraten den Platz und Azzuro deutete mit dem Schnabel auf die
beiden.
"Da. Samson und Gregory."
"Was ist mit ihnen?"
"Gleich werden sie mit ihren Saebeln rasseln und..."
"Scht!"
Verlegen blickte Azzuro auf die Frau, die sich gerade ueber den Brunnen beugte
und Wasser schoepfte. "Ups."
"Du weisst, dass _sie_ uns nicht hoeren duerfen."
"Ja.", antwortete Azzuro kleinlaut. "Ich weiss."
Hier unterbreche ich noch einmal den Lauf der Handlung, um Ihnen, liebe
Leserin, lieber Leser, zu erklaeren, was Turtelkraehen nun eigentlich sind.
Turtelkraehen, wie der Name vermuten laesst, treten immer paarweise auf. Ein
Maennchen, in unserem Fall Azzuro, und ein Weibchen, Ulo, wie Sie sich
bestimmt schon gedacht haben. Was Sie nicht wissen koennen, ist, dass die
Turtelkraehen ein Geschenk der Goetter sind, und somit keineswegs das, was
sich ein normaler Mensch wuenschen wuerde. Sie gehoeren zu jeder Geschichte,
in der Liebende auftauchen. Fragen Sie mich nicht, warum, denn das haben die
Goetter vergessen zu erwaehnen. Die Aufgabe der Turtelkraehen ist es, die
Geschichte zu verfolgen und den Goettern der Sagenwelt Bericht zu erstatten.
Auch dies ist eine Funktion, die von den Goettern unerklaert blieb, doch ich
wage die Vermutung, dass Goetter zwar allwissend sind, aber dennoch nur zwei
Augen haben, die noch dazu nicht unabhaengig voneinander funktionieren. Oder,
um es anders auszudruecken, die Goetter sind wie Kaufhausdetektive, haben ihre
Augen immer nur auf einem Bengel in zerschlissenen Jeans und haben daher die
Turtelkraehen als eine Art Videoueberwachung installiert. Geschichten sind wie
das Endlosband einer telefonischen Warteschleife. Kennen Sie das? Sie warten
darauf, endlich eine Verbindung zu bekommen und hoeren sich schlecht
interpretierte Musik in noch schlechterer Qualitaet an, die immer wieder von
einer mehr oder minder freundlichen Stimme mit _Bitte_ _warten_, _please_
_hold_ _the_ _line_ unterbrochen wird. Die Unterbrechung ist noch das
angenehmste am ganzen Band. Wann immer diese Pause kommt, die andeutet, dass
das Band nun ein Ende erreicht hat, steigt Ihre Spannung und Sie erwarten,
gleich eine vielleicht nicht ganz so freundliche, dafuer aber menschliche
Stimme zu hoeren, doch in Wahrheit spult sich das Band nur zurueck, um dem
Anrufer die Langeweile zu verkuerzen. Falls Sie sich fragen, warum das Band
dann endlos ist, werden Sie weiter ratlos bleiben muessen, denn darauf wissen
selbst die Goetter keine Antwort. Bekanntermassen hatten die Goetter ohnehin
nicht viel damit zu tun, die Warteschleife zu erfinden, dieses zweifelhafte
Verdienst ist das der Hoelle. Damit soll Ihnen auch nur nahe gebracht werden,
dass eine Geschichte endlos weitergeht, auch, wenn sie ihr scheinbares Ende
erreicht hat. Sobald der eine Mensch die Warteschleife verlaesst und der
naechste vom Besetztzeichen der Langeweile zur Kurzweil der Warteschleife
vorrueckt, beginnt die Geschichte von vorne.
So erklaert sich, dass Ulo und Azzuro reichlich Zeit hatten, die Geschichte
kennenzulernen. Waehrend sie fuer die Akteure unseres Dramas jedes Mal neu
ist, kennen die Turtelkraehen sie auswendig. Warum sie dann trotzdem weiterhin
den Fortgang beobachten muessen, bleibt unklar, obwohl es vermutlich mit der
Gewerkschaft zusammenhaengt.
Ulo und Azzuro sitzen auf dem Brunnen und betrachten die Tragoedie, die sich
vor ihren Augen abspult, wie ein altes Ehepaar die fuenfundzwanzigste
Wiederholung von Vom Winde Verweht anschaut: Jeder (und jede) weiss, wann der
(oder die) andere Taschentuecher benoetigt und wann er (oder sie) dem (oder
der) anderen die Augen zuhalten muss. Leider haben die Turtelkraehen auch eine
andere Eigenschaft des alten Ehepaares: Wann immer eine besonders gelungene
Szene kommt, weisen sie einander im Voraus darauf hin und verderben sich damit
jede Spannung.
Bitte verzeihen Sie die umstaendliche Klammersetzung, aber Ulo besteht darauf.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser, koennen sich mit Sicherheit vorstellen, was
geschaehe, wenn ein Kinobesucher Scarlett verriete, wie widerlich Rhett sich
ihr gegenueber verhalten wird. Sie koennen es, nicht wahr? Und daher ist es
Turtelkraehen strikt verboten, sich ueber Geschehnisse, die der werdenden
Mutter Zukunft noch nicht einmal Wehen verursachen, zu unterhalten. Ganz
undenkbar, wenn sie gar das Geschlecht des Kindes verrieten, dass Zukunft
gebaeren wird!
Kehren wir also zurueck zu unserer Geschichte und hoffen, dass Ulos Ermahnung
Azzuro von weiteren Verfehlungen abhalten wird.
Wir erinnern uns, dass gerade Samson und Gregory auf den Platz kamen. Samson
pfiff einer jungen Frau hinterher und handelte sich einen Rippenstoss von
seinem Freund ein.
"Lass die Maedels in Ruhe, Sam.", verlangte Gregory.
"Ach, komm schon, sie ist wirklich niedlich."
Gregory schaute ueber die Schulter und konnte dem nur zustimmen. "Hey, wonach
mir jetzt wirklich der Sinn stuende, das waere der eine oder andere Capulet."
Samson grinste. "Am Spiess?"
"Waere doch was, nicht?"
"Und dann haeuten wir ihre Frauen?"
"Faellt dir nichts besseres ein?", fragte Gregory.
"Ich wuesste nichts besseres, als eine Frau mit meinem Spiess zu haeuten."
"Oh, _die_ Haut meinst du. Du solltest Maedchen sagen."
Ulo schuettelte sich und liess etwas fallen, was hier auf mit Ruecksicht auf
jugendliche Leser (entschuldige Ulo) und Leserinnen nicht naeher benannt
werden soll.
"Die Kraehe hat mir auf den Kopf ge..." Samson holte ein nicht allzu sauberes
Taschentuch heraus und wischte sich ueber die beginnende Glatze.
"Das wird dich lehren, du Mistkerl!", kraechzte Ulo.
"Und sie lacht auch noch." Samson fluchte. Er hatte Ulos Worte nicht
verstanden, da diese klug genug gewesen war, Kraehisch zu sprechen, doch der
Tonfall war unverkennbar.
"Du spinnst, mein Freund. Seit wann lachen Kraehen? Steck den Saebel weg."
"Ich bring das Vieh um!" Samson war keineswegs der Mann, der seine Emotionen
kontrollieren konnte oder wollte.
"Dann lass das Ding halt draussen, aber da drueben findest du ein groesseres
Ziel." Samson grinste breit und entbloesste ein Gebiss, das einen Zahnarzt ein
Jahr lang ernaehrt haette. "Capulets! Lasst sie mir!"
"Wo mag er das nur aufgeschnappt haben? Im Original steht nichts
dergleichen.", bemerkte Azzuro verdriesslich.
"Halt! Wenn du so einfach losrennst, ist das nicht gut. Vergiss nie, dass wir
das Gesetz auf unserer Seite haben wollen." Gregory hielt seinen Kameraden am
Aermel zurueck.
"Wen?"
"Das Gesetz. Wenn du losstuermst und sie einfach angreifst, sind wir die
Boesen und bekommen Schwierigkeiten. Also lass mich machen, ich sorge dafuer,
dass wir in Notwehr handeln."
Samson begriff nicht, was Gregory mit Gesetzen wollte, aber das Wort
Schwierigkeiten weckte in ihm jene Vorsicht, die allen untergeordneten
Soldaten dieser und aller anderen Welten gemein ist. Schwierigkeiten, das
hatte etwas mit wuetenden Vorgesetzten, Latrinenputzen und Wochenenddienst zu
tun, davon hielt man sich besser fern.
"Zeig ihm den Stinkefinger.", schlug Samson vor.
"Aber nicht doch, dann haetten wir das Gesetz nicht auf unserer Seite."
Gregory schuettelte vehement den Kopf und streckte nichtsdestotrotz den
Mittelfinger in unmissverstaendlicher Geste vor.
"Hey, aber du zeigst ihm den Finger? Ich denke, das duerfen wir nicht?" Samson
verstand seinen Kameraden nicht.
"Wie? Zeigst du den Stinkefinger?", verlangte auch Abraham zu wissen.
"Jawoll, ich zeige den Stinkefinger.", grinste Gregory und betrachtete die
Hand Samsons, der ihm alles nachahmte.
"Zeigst du ihn am Ende _mir_?" Abraham freute sich sichtlich auf die Antwort.
Samson fluesterte: "Ist das Gesetz auf unserer Seite, wenn ich ja sage?"
"Nein, bloss nicht." Gregory stupste seinen Freund in die Seite. "Lass mich
machen."
"Also, ich zeige den Stinkefinger, aber wie kommst du nur darauf, dass ich ihn
dir zeigen koennte? Mein armer Finger! Das taete ich ihm niemals an!"
"Wie war das? Sucht ihr Streit?"
"Welch eine Unterstellung!"
"Schade." Abraham grinste. "Ich sehe eine gute Gelegenheit, euch beiden zu
zeigen, dass Capulet alle Male besser ist als Montague."
"Pah." Gregory schnaubte.
"Bloedsinn, die spinnen, die Capulets.", fuegte Samson aus tiefster
Ueberzeugung hinzu.
"Schon wieder!", empoerte sich Azzuro.
"Oh doch, das ist es."
"Ist es nicht."
"Doch."
"Nein."
...
Liebe Leserin, lieber Leser, setzen Sie in Gedanken dieses Auftrumpfen noch
ein wenig fort. In Anbetracht der Tatsache, dass wir es mit erwachsenen
Maennern zu tun haben, wollen wir uns nicht etwa Kinder vorstellen, die sich
ueber die Groesse der Autos ihrer Vaeter streiten, sondern zum Beispiel
Fussballfans, die sich nicht darueber einig werden koennen, welcher Verein es
eher verdient hat, den Pokal zu gewinnen. Wie jeder gestandene Fussballfan
Ihnen bestaetigen kann, haengt der Gewinn des Pokals ja in keiner Weise von
den Faehigkeiten der Spieler oder des Trainers ab, sondern ausschliesslich von
der Intensitaet des Glaubens der begeisterten Zuschauer. Fussball, so wissen
wir, war zu jener Zeit noch nicht erfunden, doch wo immer zwei Mannschaften
sind, finden sich auch Fans. Den Rest zu erklaeren ueberlasse ich weiseren
Menschen.
Eines wollen wir aber nicht vergessen: Wo immer sich zwei Trupps von Hooligans
gegenueberstehen, ist der Fanbetreuer nicht weit und versucht, Frieden zu
stiften. Gerade erinnerte Samson Gregory an seinen Lieblingsziegelstein.
Verzeihung, seinen besten Saebelstreich, als Benevolio das nahende Unglueck
sah.
"Hoert ihr auf!" Benevolio zog seinen eigenen Saebel und schlaegt damit die
der Kombattanten herunter. "Ihr habt sie wohl nicht mehr alle. Frieden jetzt,
sonst hol ich die Polizei."
"Hol die Bullen, mein Junge, aber steck den Zahnstocher weg.", knurrte
Gregory.
Benevolio ruempfte die Nase ueber die ungepflegte Ausdrucksweise. "Lern erst
mal vernuenftig zu reden, dann hoere ich dir vielleicht auch zu. Und jetzt
friedlich hier!"
Ulo streckte den Kopf vor. "Ist er nicht ein Schaetzchen, unser Benevolio?"
"Ein wahrer Held.", meinte Azzuro hoehnisch. "Nicht, dass er viel damit
erreichte."
"Wieso?"
"Guck mal da rueber. Tybalt kommt."
"Der Raufbold der Capulets? Na, dann haben wir ja gleich den schoensten Tanz
hier."
Ulo reckte den Kopf.
Tybalt fragte nicht lange, sondern zog seinen Saebel blank. "Ja, was haben wir
denn hier? Benevolio Montague, schau an. Und er hat auch noch zwei Freunde
dabei. Das macht drei gegen zwei, wenn ich mich nicht taeusche. Schaemt ihr
euch nicht, oder habt ihr etwa Angst?"
"Schau an, er kann rechnen." Ulo lachte kraechzend.
"Von Muffensausen kann keine Rede sein.", meinte Samson.
Benevolio schenkte Tybalt einen veraechtlichen Blick. "Nein, keine Angst, mein
Lieber, nur der Wunsch, Frieden zu stiften."
"Indem ihr unsere Leute _umbringt_? Nicht gerade die feine Art, Herr
Benevolio. Ich werde Ihnen schon zeigen, wie friedlich wir sind, wenn wir
angegriffen werden."
Sie kennen alle die schoenen Schlaegereien, die zum Western gehoeren, wie der
rechte Schuh zum linken? Man pruegelt sich und achtet nicht weiter darauf, wen
man gerade trifft, schliesslich ist jeder, der sich in die Naehe der Keilerei
wagt entweder beteiligt oder selber schuld. Harmlose Passanten gibt es nicht,
wer seine Zaehne behalten will, hat nur eine Moeglichkeit, dies zu erreichen:
Er muss tot spielen und sich der Gefahr aussetzen, harte Tritte gegen weiche
Teile zu kassieren oder er muss schneller zuschlagen als alle anderen. Binnen
kuerzester Frist ist eine Schlaegerei im Gange, die ihresgleichen sucht.
Wie immer in solchen Faellen platzt die Polizei mitten hinein, und da ihre
Angehoerigen ebenfalls Menschen sind, koennen sie nicht umhin, bei der einen
Partei ein wenig mehr Frieden zu stiften als bei der anderen. Halten wir der
Polizei, insofern man fuer Individuen einen solch generalisierenden Ausdruck
verwenden kann, zugute, dass sie bei all ihrer Menschlichkeit und Fehlbarkeit
nichtsdestoweniger auf Ausgeglichenheit achtet, so dass fuer jeden Anhaenger
der Capulets auch einer der Montagues eingestellt wird. Oder, um es ein wenig
polemischer auszudruecken, keine der beiden Seiten bekommt weniger Polizei als
die andere.
Herr Capulet, der gerade seine Gattin auf einem Spaziergang begleitete, hatte
seine helle Freude, als er die wunderschoene Pruegelei sah. "Das gibt es ja
nicht! Ca-Pu-Let, Ca- Pu-Let!"
"Idiot. Und guck nur, er hat einen Morgenrock an.", kommentierte Ulo. "Der
Kerl ist wirklich senil."
"Lass ihn doch. Der alte Knochen kann nur noch bruellen." Azzuro zuckte die
Schultern.
"Sollte mich wundern, wenn er es dabei beliesse." Ulo kannte ihre Pappenheimer.
"Verdammt, wir verlieren! Mein Schwert!"
Frau Capulet, jeder Zoll eine Dame und sich voellig im Klaren ueber den
Zustand ihres Gatten, laechelte ein wenig. "Du meinst gewiss deine Kruecke,
mein Schatz." "Ich meine mein Schwert."
"Sag ich doch.", erwiderte seine Gattin malizioes.
Herr Capulet, der ahnte, was ihn daheim erwartete, wenn er seiner Gattin jetzt
widerspraeche, zuckte nur die Schultern und begnuegte sich damit, die
Capuletanhaenger anzufeuern und uebersah in seinem Eifer ganz und gar, dass
inzwischen auch Herr Montague mit seiner Frau das Schlachtfeld betreten hatte.
Herrn Montague war die Gestalt seines Lieblingsfeindes allerdings keineswegs
entgangen. "Du hinterhaeltiger Sack! Wozu hast du deine Leute angestiftet!" Er
stuerzte mit erhobener Faust auf Capulet zu. "Du, du..."
"Du Capulet.", soufflierte Azzuro und handelte sich einen zornigen Blick von
Ulo ein. Dankbar nahm Montague die Hilfestellung an. "Du _Capulet_, dir zeig
ich, was ein echter Montague ist!"
"Jetzt wird es erst lustig.", freute sich Ulo und setzte sich in Positur.
"Bestimmt bekommen wir gleich eine bilderbuchreife Herzattacke zu sehen."
"Nichts da." Azzuro deutete mit dem Schnabel auf die Polizisten. "Da, siehst
du? Sie haben es geschafft, die beiden Seiten zu trennen."
Ulo seufzte. "Schade."
Die Polizisten hatten die beiden feindlichen Seiten saeuberlich aussortiert
und an den gegenueberliegenden Seiten des Platzes Aufstellung nehmen lassen.
Zu jener Zeit hielt man sich nicht lange damit auf, die Personalien
festzustellen, die Raufbolde abzufuehren, auszunuechtern und nach einigen
Wochen oder Monaten vor Gericht zu stellen, man sammelte die Ueberreste der
Pruegelei ein und fuehrte sie dem Richter einfach vor, der lange nicht so
ueberlastet war, wie es die Gerichte in unserer leidgeplagten Zeit sind. So
geschah es auch jetzt. Das Gericht, in Gestalt des Buergermeisters Escalus
betrat den Gerichtshof, will sagen, den Marktplatz, und nahm am Brunnen
Aufstellung.
"Was ist hier los?", verlangte Escalus zu wissen.
"Sie haben sich gepruegelt.", bemerkte Ulo leise.
"Danke, soviel kann ich selber aus den blutigen Nasen ablesen." Escalus
ignorierte die fragenden Blicke, denn er wusste ja nicht, dass er als Einziger
Ulos Worte gehoert hatte. "Mir reicht es jetzt, Herrschaften. Geht es schon
wieder um die alte Fehde?" Montague und Capulet, beides Maenner, die fuer ihre
Angestellten und Anhaenger einstanden, nickten betreten.
"Ich habe die Nase voll. Statt euch wie anstaendige Menschen zu benehmen,
pruegelt ihr euch auf offener Strasse, als gaebe es keine zivilisierte Art,
die Angelegenheit zu regeln."
"Hoert, hoert." Azzuro grinste.
"Warum erfindest du nicht den Fussball?", fragte Ulo so leise, dass wieder nur
Escalus sie hoeren konnte.
Wenn die Goetter der Mythenwelt Ulo jetzt gehoert haetten, waere sicherlich
ein Blitz vom Himmel gekommen und haette sie erschlagen. Doch die Goetter
waren anderweitig beschaeftigt, so kam es, dass Ulo ungeschoren davonkam und
statt des strafenden Blitzes einer der Eingebung einschlug. Er traf auch nicht
Ulo, in deren Kopf schon genug mehr oder minder dumme Ideen herumspukten,
sondern Escalus, der tief Luft holte und die grandiose Idee in seinem Hirn
speicherte, wo sie bis zu ihrer Reife liegen sollte. _Eines_ _Tages_, so
dachte sich Escalus, _wird_ _die_ _Welt_ _friedlicher_ _sein_. _Dann_ _tragen_
_wir_ _unseren_ _Streit_ _nicht_ _mehr_ _mit_ _Waffengewalt_ _aus_, _sondern_
_spielen_ _statt_ _dessen_ _Fussball_. _Das_ _wird_ _eine_ _bessere_,
_weisere_ _Welt_ _sein_, _ganz_ _bestimmt_. _Dann_, _eines_ _schoenen_
_Tages_, _werden_ _zwei_ _verfeindete_ _Lager_ _ihre_ _besten_ _Leute_
_auswaehlen_ _und_ _sie_ _in_ _fairem_ _Wettkampf_ _ihren_ _Streit_ _beilegen_
_lassen_. _Ja_, _das_ _wird_ _wirklich_ _eine_ _bessere_ _Welt_ _sein_. _Ich_
_muss_ _mir_ _nur_ _noch_ _ueberlegen_, _wie_ _man_ _Fussball_ _spielen_
_soll_.
Halten wir Escalus zugute, dass er noch nichts von Fans wissen konnte.
"Das ist jetzt das dritte Mal, meine Herren. Dreimal hat euer verfluchter
Haendel schon die ganze Stadt in Aufruhr gestuerzt."
Er haette hinzufuegen koennen, dass bei jeder dieser Auseinandersetzungen
Steuerzahler starben oder fuer laengere Zeit arbeitsunfaehig wurden, so dass
man ihm persoenlichen Schaden zufuegte, aber ein solcher Mann war Escalus
nicht. Statt dessen dachte er nur an die Menschen, die durch diesen dummen
Streit keine Ruhe fanden und nie wussten, ob sie am naechsten Morgen ihre
Stadt noch so vorfinden wuerden, wie sie am Abend, als sie sich schlafen
legten, noch gewesen war. Wer konnte sagen, ob nicht am naechsten Tag alles in
Schutt und Asche lag, was noch am Vortag als fuer die Ewigkeit gebaut
ausgesehen hatte? Wer wusste, ob und wann der Streit zwischen den beiden
Familien eskalierte? Wer konnte guten Gewissens _Bis_ _morgen_ zu seinen
Freunden sagen, wenn er nicht wusste, ob er nicht beim Ueberqueren des Marktes
alle Gedanken an ein Morgen gegen die unendliche Gleichgueltigkeit des Todes
eintauschte? Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, jemals eine Dorfkirmes
besucht? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen, sich ein solches Spektakel einmal
anzusehen. Vielleicht gehen Sie am Samstagabend hin, wenn die jungen Maenner
des Oberdorfes sich zum Bier an einem der drei Bierstaende treffen, waehrend
die des Unterdorfes am zweiten stehen und die Erwachsenen, Distinguierten,
Weiseren, in der Mitte zwischen den beiden Bierstaenden bei einem Glas sitzen
und ueber Politik sprechen, waehrend sie darauf warten, dass der Spass
anfaengt. Betrachten Sie die Szene und stellen Sie sich vor, dass statt der
Faeuste Messer und Degen im Einsatz sind, dann koennen Sie sich in Escalusens
Lage versetzen, der nichts anderes will, als endlich Frieden in seiner Stadt -
und allen Menschen ein Wohlgefallen.
Escalus war ein praktischer Mann, auch wenn ihm die Idee von einem Spiel, dass
die Geschicke der Menschheit entschiede, ausnehmend gut gefiel. Moralische
Skrupel plagten ihn weniger als die Probleme, die sich aus einer Fortsetzung
des Streits ergaben. "Geht mir aus den Augen und wieder an eure Arbeit, Leute.
Und benehmt euch wie Menschen, statt euch wie Tiere gegenseitig zu
zerfleischen." Er schielte ein wenig, um beide Seiten des Marktplatzes
gleichzeitig scharf ins Auge zu fassen. "Damit das eine klar ist: Ich dulde
nicht, dass ihr euch weiterhin daneben benehmt. Wenn ich einen erwische, der
sich mit einem anderen schlaegt, schlage ich mit der Faust dazwischen und
lasse ihn auf der Stelle enthaupten. Verstanden?" Escalus wartete vergebens
auf das verlegene Fuessescharren, das eine solche Drohung eigentlich
hervorrufen sollte. Langsam, ein wenig widerstrebend machten sich die Buerger
wieder auf den Weg zu ihren Haeusern und ihrer Arbeit. Capulet, immer noch in
seinem gaenzlich unpassenden Morgenmantel, folgte Escalus zu dessen Buero, um
dort zu einer Geldstrafe verdonnert zu werden, denn schliesslich war bei dem
Streit ein Sachschaden entstanden, den Escalus ersetzt sehen wollte. Es
interessierte Escalus nicht im geringsten, wer den Streit heute vom Zaun
gebrochen hatte, solange er sowohl von Capulet als auch von Montague eine
finanzielle Entschaedigung erhielt. Darin unterschied sich Escalus wenig von
den heutigen Kommunen, die sich auch nicht besonders darum kuemmern, ob
Nachbars Hund auf die Strasse lief und damit ursaechlich verantwortlich dafuer
war, dass Herr Mueller oder Frau Schmitz gegen die Ampel fuhr - zumindest
solange nicht, wie die Ampel bezahlt wird.
Lassen wir also Escalus seinen Schadenersatz kassieren und folgen Ulo und
Azzuro, denen es auf dem Marktplatz zu langweilig wurde, bis zu Montagues
Haus, wo sich Benevolio Herrn Montague gegenueber rechtfertigen muss.
"Ehrlich, Onkel, ich hatte ueberhaupt nichts mit der ganzen Angelegenheit zu
tun."
"Das sagst du jetzt.", regte sich Herr Montague auf.
Frau Montague hatte als kluge Hausfrau nichts dafuer uebrig, ueber vergossene
Milch zu klagen. "Wo steckt eigentlich Romeo?"
"Lass Romeo jetzt, Liebste. Also, mein lieber Neffe, was war los?"
"Also, da waren dieser Capulet, der sich mit Samson und Gregory angelegt
hatte. Offenbar wollte er sich pruegeln, als ich dazu kam."
"Eine Gelegenheit, die du dir nicht entgehen lassen konntest, nicht wahr?",
fragte Herr Montague scharf.
"Keineswegs, Onkel, ich habe nur versucht, die drei zu trennen. Tja, und dann
kam Tybalt Capulet dazu."
"Nur gut, dass Romeo nicht dabei war, dieser Tybalt haette ihn am Ende
verletzt.", liess sich Frau Capulet vernehmen.
"Die stellt sich vielleicht wegen des Bengels an.", knurrte Ulo von einem Ast,
der, als haetten die Goetter ihn extra dort wachsen lassen, gerade so weit an
das Fenster heranreichte, dass die beiden Turtelkraehen das Gespraech im
Innern des Hauses mitverfolgen konnten.
"Sie gibt nicht auf.", meinte Azzuro. "Was hat sie denn mit dem Jungen?"
"Ach, wahrscheinlich ist er wieder hinter irgendeiner Frau her und heult sich
deswegen die Augen aus." Ulo hielt nicht viel von Romeo.
"Er ist halt jung." Azzuro hatte fuer das Verhalten Romeos deutlich mehr
Verstaendnis.
"Tybalt missverstand die Situation und hoerte mir auch nicht zu, als ich es
ihm erklaeren wollte."
"Sieht ihm aehnlich." Herr Montague kannte Tybalts schlechten Ruf.
"Naja.", machte Benevolio gedehnt. "Ich musste mich doch gegen ihn
verteidigen."
Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, wie Gregory sich eingangs
ueber Notwehr aeusserte? Er hatte offenbar Erfolg mit seiner Taktik. Nur mit
Buergermeister Escalus hat Gregory nicht gerechnet. Wenn Herr Montague
wuesste, wie die Notwehr zustande kam, zoege er die Geldstrafe, die er nun zu
zahlen hat, sicherlich von Gregorys Sold ab.
"Wo ist denn nur Romeo?" Frau Montague war offensichtlich nicht bereit, die
Sache auf sich beruhen zu lassen.
"Er hat sich wieder eingeschlossen.", antwortete Benevolio.
"Was heisst das?", verlangte Frau Montague mit der Verve einer besorgten
Mutter zu wissen.
"Weiss sie es am Ende wirklich nicht?", ueberlegte Ulo laut.
"Wahrscheinlich nicht. Muetter nehmen ja immer nur das beste von ihren Kindern
an." Azzuro zuckte mit den Schultern.
"Es heisst, dass er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und die Vorhaenge
zugezogen hat.", antwortete Benevolio.
"Er hat die Vorhaenge zugezogen?" Frau Montague mochte an ein solch
unsittliches Verhalten bei ihrem Sohn nicht glauben. Wie Ihnen jedermann
bestaetigen kann, sind am hellichten Tage zugezogene Vorhaenge ein deutliches
Anzeichen liederlichen Lebenswandels, den Frau Montague ihrem Sohn nie
gestattet haette. Zumindest, so koennen Sie es in jedem Dorf lernen, zieht man
morgens die Vorhaenge auf und wahrt damit den Schein.
"Sage ich doch, liebe Tante. Ausserdem hat er einen riesigen Vorrat an
Taschentuechern."
"Was will er denn damit?", wollte nun auch Herr Montague wissen.
"Ist doch klar.", murmelte Azzuro.
"Komm, das muss ich mir ansehen." Ulo grinste haemisch.
Sie flogen um das Haus herum, denn im Gegensatz zum Wohnzimmer lagen die
Schlafzimmer auf der Rueckseite des Hauses, zum Garten hinaus.
"Hoer dir das an!" Ulo hatte ihre helle Freude an Romeos lautem Gejammer und
Gestoehne.
"Was hat er denn, der arme Kleine." Auch Azzuro hatte kein Mitleid fuer
Menschen, die es so sehr uebertrieben.
"Er hat Liebeskummer."
"Och, da _tut_ er mir aber leid."
"Ach, Rosaline!", erscholl es von drinnen, gefolgt von einem tiefen Seufzer.
"Rosaline heisst sie also.", bemerkte Ulo ueberfluessigerweise.
"Nicht Julia?"
"Noch nicht, das kommt erst noch."
Romeo, der den Kopf aus dem Fenster gesteckt hatte, warf einen verbluefften
Blick auf die Kraehen. "Oh nein, meine einzige und wahre Liebe heisst
Rosaline."
Azzuro ueberlegte, wie er seinen Fehler wieder wett machen konnte. Er schaute
schnell zu Ulo, doch auch diese schien zu betroffen zu sein, um sein Vergehen
gegen die elementarsten Regeln des Turtelkraehendaseins den Goettern zu
petzen.
"Ganz bestimmt ist sie das.", versicherte Azzuro schnell. "Sie ist ja auch
wunderschoen."
Er trippelte verlegen von einem Fuss auf den anderen.
"Ja, das ist sie. Aber wer ist Julia?"
"Das braucht dich doch nicht zu interessieren, schliesslich ist Rosaline deine
einzige Liebe."
"Hm." Romeo ueberlegte einen Moment, dann brach er wieder in Traenen aus. "Ja,
das ist sie. Und nie hat ein Mann eine so herzlose Frau geliebt."
"Sie ist gemein zu dir?", fragte Azzuro.
"Gemein ist gar kein Ausdruck. Ach, wenn ich nur wuesste, was ich tun muss, um
sie zu ueberreden."
Benevolio bollerte gegen Romeos Tuer und verlangte von seinem Cousin
eingelassen zu werden, was Ulo und Azzuro zum Anlass nahmen, sich schleunigst
zu verdruecken.
"Du bist wohl wahnsinnig geworden!", schnauzte Ulo ihren Gefaehrten an.
"Wer ahnt denn, dass der dumme Kerl ausgerechnet in diesem Moment aus dem
Fenster guckt." verteidigte sich Azzuro.
"Hoffentlich geht das gut."
"Ach, da mach dir mal keine Sorgen. So wie der Junge gebaut ist, hat er
Rosaline und Julia morgen vergessen und rennt einer dritten hinterher."
"Wie kommst du denn darauf?"
"Ist doch klar. Er ist achtzehn, aus guter Familie und reich. Wie sollte er da
nicht ausreichend Maedchen finden, denen er unter die Roecke schauen kann?"
Azzuro blickte auf seinen eigenen reichen Erfahrungsschatz zurueck.
"Du denkst auch immer das schlechteste."
"Aber nein. So sind die jungen Burschen nun mal. Fuer ihn ist es einfach chic,
Liebeskummer zu haben."
"Gut, dass du das hinter dir hast." Ulos Stimme liess vermuten, dass sie
diesen Satz als Mahnung verstanden wissen wollte.
"Hoefische Minne hat mir noch nie gelegen.", verteidigte sich Azzuro.
"Ja, ich weiss." Ulo seufzte und gab sich fuer einige wenige Augenblicke ihren
Traeumen hin.
"Hoer auf damit, du weisst ja gar nicht, wovon du da traeumst." Azzuro kannte
seine Gefaehrtin.
"Ach, weiss ich nicht?"
"Nein. Wenn du gewollt haettest, dass ich dich minne, dann haettest du mich
niemals erhoeren duerfen."
"Hm, haette ich besser getan, ja."
"Versteh doch. Ich liebe dich ja, aber ich minne dich nicht. Zur Minne
gehoert, dass man die angebliche Geliebte nie bekommen kann."
"Wie kommst du denn darauf?"
"Na, Minne hat nicht viel mit erfuellter Liebe zu tun, sondern mehr mit
Aus-Der-Ferne- Schmachten."
"Oh?" Ulos Stimme bekam eine deutliche Spitze. "Du vermisst mich also nicht,
wenn ich nicht bei dir bin?"
"Du bist doch nie von mir weg.", verteidigte sich Azzuro. "Und ueberhaupt,
lenk nicht vom Thema ab."
"Wer lenkt denn hier ab? Wahrscheinlich vergnuegst du dich ohnehin mit
irgendeinem Spatzenflittchen, wenn ich mal nicht in der Naehe bin."
Azzuro, der genau wusste, welche Richtung die Diskussion nehmen wuerde,
betrachtete betont interessiert die Vorgaenge innerhalb Romeos Zimmer und zog
es vor, nicht zu antworten.
Benevolio hatte es inzwischen geschafft, Romeo dazu zu ueberreden, die Tuer zu
oeffnen und ihn einzulassen. "Guten Morgen, Romeo.", begruesste er seinen
Vetter froehlich.
"Ist es denn Morgen?", fragte Romeo duester.
"Und was fuer einer. Los, mach die Vorhaenge auf und schau dir den wunderbaren
Sonnenschein an. Hoer nur, wie die Voegel singen." Benevolio riss die schweren
Vorhaenge zur Seite und erblickte die beiden Kraehen. "Naja, vielleicht singen
sie nicht ganz so schoen, aber die Sonne scheint auf jeden Fall."
"Es ist schrecklich, aber ich bin so traurig, dass ich gar nicht sehen will,
wie die Sonne scheint, denn das sieht so aus, als wolle sie mich verspotten."
"Keineswegs will sie das. Sie hat nichts anderes im Sinn, als dich
aufzuheitern."
"Ist er irre?", fragte Ulo leise.
"Aber nein. An ihm ist bloss eine Krankenschwester verloren gegangen.",
bemerkte Azzuro.
"Was macht dich denn so traurig, Romeo? Willst du es mir nicht erzaehlen?"
fragte Benevolio.
"Er ist wirklich ein Schaetzchen." Benevolio hatte unzweifelhaft Ulos Herz
fuer sich gewonnen.
"Ein Psychiater koennte er auch sein." Azzuro konnte dem freundlichen
Benevolio nicht ganz so viel abgewinnen.
"Mir ist langweilig, weil ich das nicht habe, was mir die Langeweile
vertreibt.", antwortete Romeo.
"Er will eine Modelleisenbahn?", vermutete Azzuro.
Benevolio hatte offenbar ebenfalls keine Vorstellung von dem, was seinem
Freund die Langeweile vertreiben koennte. "Was liebst du denn so sehr?"
"Nicht was, sondern wen."
"Liebe ist doch etwas schoenes, warum macht sie dich bloss so traurig?"
"Weil ich Liebe gebe und keine bekomme. Ich fuehle mich wie eine leere
Flasche. Das, was einmal in mir war, wollten alle haben, aber jetzt, da ich
nur noch eine leere Flasche bin, gibt es niemanden mehr, der mich wieder
fuellen wuerde."
"Eine Flasche ist er allerdings.", bemerkte Ulo.
"Nein, ist er nicht.", wies Benevolio sie streng zurecht. "Moment, seit wann
koennen Kraehen reden?"
"Seit Maenner Flaschen sind.", versetzte Ulo schnippisch.
"Lass doch die bloeden Kraehen, Benevolio." Romeo mochte es gar nicht, wenn
man sich nicht so leicht von ihm ablenken liess.
Azzuro stiess Ulo mit einem gekonnten Schubs vom Ast und trieb sie zu einem
Baum in sicherer Entfernung von Romeos Zimmer. "Halt bloss deinen vorlauten
Schnabel!"
"Er hat uns bloed genannt."
"Ja."
"Und das aergert mich."
"Aha?"
"Weil ich nicht bloed bin."
"Du darfst in _ihrem_ Beisein trotzdem keine Kommentare machen, das weisst
du."
"Pah."
"Weisst du es, oder nicht?"
"Ja, ich weiss es. Aber er ist wirklich eine Flasche."
"Das habe ich nicht bestritten. Wenn du jetzt deinen vorlauten Schnabel halten
kannst, koennen wir wieder zurueck und uns den Rest ansehen."
Ulo antwortete nicht, sondern flog wieder zu ihrem Ast und spaehte durch das
Fenster auf die zuckenden Schultern Benevolios.
"Lachst du mich aus?", fragte Romeo.
"Mitnichten." Benevolios Stimme klang so ernst, dass selbst in Ulo Zweifel
erwachten.
"Eigentlich weine ich."
"Warum denn das?"
"Weil du so arm dran bist, lieber Romeo."
"Hoer auf, bitte. Wenn du jetzt auch noch weinst, fuehle ich mich nur noch
elender. Wenn das ueberhaupt geht."
"Jaja, so geht das mit der Liebe." Benevolio grinste duemmlich.
"Ja, genau so. Liebe, das ist ein Meer."
"Ein Meer? Wie kommst du denn darauf?"
Azzuro liess sich neben Ulo nieder.
"Achtung, Romeo wird poetisch.", warnte Ulo ihren Gefaehrten.
"Ein Meer, weil Traenen salzig sind und reichlich fliessen, wenn Liebe im
Spiel ist."
"Aha. Ja, ich glaube, ich weiss, was du meinst." Benevolio war prosaischer als
sein Freund.
"Ich glaube, ich mache einen Spaziergang." Romeo machte keine Anstalten,
aufzustehen, sondern seufzte nur tief.
"Immer langsam, ich weiss doch noch nicht alles, das waere gemein, wenn du
mich jetzt so stehen liessest."
"Ich bin sowieso nicht hier. Der echte Romeo ist woanders."
"Und wo?"
"Du willst wohl wissen, wie sie heisst?"
"Gut gefolgert, lieber Watson."
"Ich werde noch wahnsinnig!", stoehnte Azzuro.
"Was ist denn los?" Ulo warf ihm einen verwirrten Blick zu.
"Dauernd zitieren sie aus fremden Quellen, das macht mich irre."
"Keine Sorge, du wirst dich nicht anders fuehlen als vorher." Ulo grinste.
"Also soll ich dir vorstoehnen, wie sie heisst?", fragte Romeo mit einem
Grinsen.
"Es reicht, wenn du es mir einfach sagst.", antwortete Benevolio.
"Klar, ich mache jetzt voellig einfach mein Testament."
"Nana, so weit ist es noch nicht. Du bist ja noch gruen hinter den Ohren."
Benevolio lachte.
"Pfft.", machte Romeo. "So gruen bin ich nicht mehr, dass ich nicht weiss, wie
man liebt."
"Das wiederum habe ich nicht bezweifelt. Nun sag endlich, wie heisst sie?"
"Sie ist eine Frau."
"Hm, dachte ich mir. Zumindest hatte ich keinen Grund, etwas anderes
anzunehmen."
Romeo streckte seinem Vetter die Zunge heraus. "Und schoen ist sie auch."
"Es war mir ebenfalls klar, dass du kein Kostveraechter bist."
"Nein, ich verhungere lieber. Sie will mich nicht."
"Klug und geschickt ist sie also auch noch?"
"So geschickt, dass Cupidos Pfeil sie nicht trifft. Immer duckt sie sich weg."
Wir wollen hier anmerken, dass auch Cupido zu jeder anstaendigen
Liebesgeschichte gehoert. Auch zu den unanstaendigen, aber von denen reden wir
hier lieber nicht, denn es mag ja sein, dass unter Ihnen, liebe Leserinnen,
liebe Leser, Minderjaehrige sind. Kennen Sie Cupido? Das ist der kleine, dicke
und nackte Bengel, den Sie auf fast jedem barocken Bild betrachten koennen.
Damals hatte man eine Vorliebe fuer das Kerlchen, weil ein nackter Saeugling
mit einem Bogen einfach lustig aussieht. Auf diese Weise gaben unsere
Vorfahren dem im Grunde ernsten Ding Liebe noch eine amuesante Wendung. Bitte
verwechseln Sie unseren kleinen Freund nicht mit den Engeln, die sind zwar
auch nackt, klein und dick, haben aber keinen Bogen in den pummeligen
Faeustchen.
Romeo stellt sich Cupido noch nicht ganz so dick vor, dafuer sind seine Augen
verbunden. Zu Romeos Zeiten, in jener mythischen und so ganz und gar
unwirklichen Zeit, sah Cupido noch nicht, wen er mit seinen Pfeilen traf. Man
koennte denken, dass dies zu allerlei Verwirrung gefuehrt haben muss, etwa,
wenn sein Pfeil eigentlich dem Schaefer galt, der unaufmerksame Bengel
allerdings eines der Schafe traf, doch scheint dies so selten der Fall gewesen
zu sein, dass uns von solchen Geschehnissen nichts ueberliefert wurde. So
muessen wir annehmen, dass damit lediglich das Sprichwort illustriert werden
soll, das sagt: Wo die Liebe hinfaellt, da waechst kein Gras mehr.
"Schlimmer noch." Jetzt stoehnte Romeo wirklich. "Sie ist eine wahre Diana,
was das Ausweichen angeht."
Sie erinnern sich sicher an Diana, liebe Leserin, lieber Leser. Sie war die
Goettin der Jagd und Jungfrau von Beruf. Nichts und niemand konnte sie dazu
bringen, sich mit einem Mann, gleich ob Gott oder Mensch, einzulassen. So
schlimm trieb sie es, dass ein Mann zur Strafe, weil er ihr beim Baden
zugesehen hatte, in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden
gefressen wurde. Diese Anekdote sagt ebensoviel ueber die Intelligenz eines
Hundes wie ueber die des Mannes aus, denn beide vergassen ihre gesamte
Erziehung. Die Hunde, als sie den Hirsch rochen, der Mann, als er die Frau
sah.
"Eine Diana, wie? Dann hat sie wohl lebenslange Keuschheit gelobt?"
Romeo gab ein Geraeusch von sich, dass dem des gestellten Hirsches aehnlich
sein mochte. "Was soll ich nur machen? Sie ist wunderschoen und es ist
geradezu ein Frevel, dass sie ins Kloster will, denn damit verzichtet sie auch
darauf, ihre Schoenheit an die Nachwelt zu ueberliefern."
"Noch ist nicht aller Tage Abend. Vielleicht bekommt sie ja trotzdem Kinder."
"Trotz der Keuschheit? Das geht nicht."
"Stimmt.", grinste Ulo. "Das gute Maedchen ist wohl lesbisch, wie?"
Azzuro zuckte die Schultern. "Wer weiss das schon?"
"Hm, wenn ich nur unter Frauen sein wollte, ginge ich auch ins Kloster."
Azzuro lachte. "Spielt es eine Rolle? Ich meine, wenn sie ihn nicht will, dann
kann er sich auf den Kopf stellen und mit den Fuessen Hurra schreien, er wird
nicht erhoert."
"Grausame Welt.", seufzte Romeo von drinnen. "Ich kann einfach nicht an sie
herankommen. Sie ist schoen, sie ist klug und ihre Weste ist so weiss wie
Schnee. Nichts, aber auch gar nichts gibt mir eine Moeglichkeit, sie zu
erpr..." Er unterbrach sich schnell.
"Wollte er eben erpressen sagen?" fragte Ulo.
"Ich nehme es an. Warum?"
"Maenner!"
"Du meinst Menschen." korrigierte Azzuro sie.
"Ich meine Maenner. Wenn ich noch ein einziges Mal hoere, dass ein Mann eine
Frau rein und keusch nennt, weiss ich, was ich davon zu halten habe."
"So typisch ist Romeo nun auch wieder nicht."
Ulo schob den Einwand mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Fluegels beiseite.
"Ich werde nie wieder einem Mann weiter trauen, als ich ihn spucken kann."
"Wir koennen nicht spucken, wir sind Voegel."
"Eben."
Azzuro schuettelte den Kopf ueber soviel Unvernunft. "Du brauchst ja auch
keinem Mann zu trauen, du hast ja mich."
"Um so schlimmer."
"He!", machte Azzuro.
Benevolio betrachtete seinen Freund besorgt. "Lass dir einen Tip geben, Romeo.
Vergiss sie."
"Vergessen? Sie? Genauso gut koennte ich das Atmen vergessen."
"Kann er doch gar nicht.", meinte Azzuro.
"Das will er damit ja sagen.", informierte ihn Ulo.
"Ich sag dir, wie du sie vergessen kannst." Benevolio sah sich genoetigt, ein
wenig lauter zu sprechen, um das Geschrei der beiden Kraehen vor dem Fenster
zu uebertoenen. "Schau dich einfach ein wenig um. Andere Muetter haben auch
schoene Toechter."
"Ach, damit machst du es ja nur noch schlimmer. Wenn ich andere Frauen sehe,
vergleiche ich sie immer mit ihr und dann haben die anderen verloren. Lass
mich lieber allein, ich will in meinem Schmerz ertrinken."
"Er koennte ihn ersaeufen.", schlug Ulo vor.
"In Schnaps?", fragte Azzuro.
"Worin sonst? Meinst du, er versuchte, ihn mit einem Stein zusammen in einen
Sack zu stecken und in den Fluss zu werfen?"
Benevolio kannte das Leid der Jugend und grinste verschaemt. "Warte ab, ich
lasse mir was einfallen."
Kaum hatte Benevolio den Raum verlassen, als Romeo sich auf das Bett warf und
zum Steinerweichen schluchzte.
"So ein Jammerlappen.", bemerkte Ulo.
"Nun hoer schon auf, er ist noch jung und er ist verliebt."
"Schon gut, das ist der Freibrief fuer jede nur denkbare Bloedheit."