| DER ERSTE AKT |
| DIE ERSTE SZENE |
| An dieser Stelle sollte eigentlich ein Chor auftreten, denn so gehoert es sich |
| fuer eine Tragoedie, doch im Zuge der allgemeinen Sparmassnahmen wurde der |
| Chor gestrichen und Ulo und Azzuro bekamen zusaetzlich zu ihrer normalen |
| Aufgabe die Pflicht aufgebuerdet, Sie, verehrte LeserInnen, ueber die jeweils |
| aktuelle Lage auf dem Laufenden zu halten, fuer den Fall, dass Sie eine |
| Zusammenfassung oder einen Kommentar wuenschen. Auch wenn Sie dies nicht |
| wollen, werden die beiden Sie informieren, denn dafuer werden sie schliesslich |
| bezahlt. |
| |
| Ulo holte tief Luft und setzte sich in Positur. "Two households, both alike in |
| dignity, in fair Verona, where we lay our scene..." |
| |
| "Ach, sei ruhig." knurrte Azzuro. |
| |
| "Was denn, was denn? Sonst stehst du doch auf die Klassiker?" Ulo mochte es |
| gar nicht, mitten in einem Zitat unterbrochen zu werden. |
| |
| "Denk doch mal an die Leser!" |
| |
| "Und Leserinnen." |
| |
| "Ja, die auch. Sie wollen doch nicht ein englisches Zitat lesen." |
| |
| "Woher weisst du das?" |
| |
| Bitte stellen Sie sich vor, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie im Theater |
| sitzen und sich Ulo nun an Sie wendet. "Sagen Sie mir, was Sie hoeren wollen. |
| Jaja, auch Sie, dahinten in der vierzigsten Reihe Parkett, ganz links." |
| |
| Nun, ich gehe davon aus, dass Sie, auch der Herr ganz links in der vierzigsten |
| Reihe Parkett, mit Shakespeare vertraut sind. Daher erspare ich ihnen das |
| Zitat und fasse den Inhalt kurz zusammen. Gerade stoesst mich Azzuro an und |
| verweist auf die Gewerkschaft. Sie entschuldigen mich bitte, ich ueberlasse |
| die Zusammenfassung unseren beiden Turtelkraehen. |
| |
| "Du oder ich?" Ulo ist weiblichen Geschlechts und immer bereit, Azzuro eine |
| unangenehme Aufgabe zu ueberlassen. |
| |
| "Egal." |
| |
| "Dann du." Meistens hat Ulo Erfolg mit ihrer Taktik. |
| |
| "OK. Wir finden uns in Verona wieder, Zeit irgendwann. Zwei Familien leben |
| hier." |
| |
| "Es sind bestimmt noch mehr." |
| |
| "Das ist doch nicht wichtig, oder? Es geht nur um die Capulets und die |
| Montagues." |
| |
| "Wirklich?" |
| |
| "Nein, nicht wirklich, aber die beiden sind die wichtigsten, denn sie sind |
| schuld daran, dass sich die ganze Stadt in zwei feindliche Lager gespalten |
| hat." |
| |
| "Das ist doch Unsinn. Schuld daran ist niemand anderer als der Autor." |
| |
| "Ulo!" |
| |
| "Schon gut." |
| |
| Azzuro strich mit dem Schnabel ueber das Gefieder. "Aus irgendeinem lang |
| vergessenem Grunde liegen die beiden Familien in Fehde miteinander und die |
| jungen Leute einer jeden Generation finden immer wieder die Moeglichkeit, die |
| Fehde nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Laufe der verschiedenen |
| Hochzeiten, Geburten und Taufen haben sich alle Bewohner Veronas in irgendeine |
| Beziehung zueinander gesetzt und da die Capulets und die Montagues die beiden |
| aeltesten Familien sind, haben alle Buerger auch eine Beziehung zu der einen |
| oder anderen Familie. Sei es, dass Onkel Adalbert der Vater der Frau war, die |
| der junge Montague vor zwanzig Jahren ins Unglueck gestuerzt hat, weil er ihr |
| die Rosen nicht gegeben hat, die doch der Bruder des Cousins seines besten |
| Freundes ihm ausdruecklich fuer diese Frau uebergeben hatte." |
| |
| "Du schweifst ab.", tadelte Ulo. |
| |
| "Aber wie soll ich es denn sonst erklaeren?" |
| |
| "Ist doch einfach: Verona ist ein Dorf." |
| |
| "Oh." |
| |
| Triumphierend blickte Ulo auf ihren Gefaehrten. "Und ein Dorf ist ein Dorf ist |
| ein Dorf ist ein Dorf." |
| |
| "Also gut. Verona ist ein Dorf, das in zwei Teile gespalten ist. Jeder hat |
| einen Groll gegen jeden anderen." |
| |
| "Und jedE hat einen Groll gegen jedE andere." Ulo hatte die bemerkenswerte |
| Faehigkeit, Grossbuchstaben auszusprechen. |
| |
| "Ja." Azzuro seufzte. "Wie auch immer. Die beiden Familien haben jede einen |
| Sproessling. Romeo Montague ist ein huebscher Bengel von achtzehn Jahren, der |
| eines Tages das Geld und die Fehde von seinem Vater erben wird. Julia, die |
| einzige Tochter des Hauses Capulet, wird einmal bildhuebsch, wenn man sie noch |
| ein paar Jahre auf die Weide schickt." |
| |
| "Wie kannst du das sagen?" |
| |
| "He, sie ist erst dreizehn!" |
| |
| "Alt genug, um demnaechst verheiratet zu werden. Und bereits jetzt schoener |
| als Helena." |
| |
| "Was hat Helena damit zu tun?" Azzuro duckte sich sicherheitshalber. |
| |
| "Helena von Troja." |
| |
| "Ach so, die. Jaja, meinetwegen ist sie schoener als Helena." |
| |
| "An wen dachtest du denn?", verlangte Ulo zu wissen. |
| |
| _Sie_ _hat_ _schon_ _wieder_ _diesen_ _Tonfall_, dachte Azzuro. "Niemanden, |
| selbstverstaendlich. Ausser dir sehe ich doch keine Frau an, Liebste, das |
| weisst du doch." |
| |
| "Ist auch besser so." |
| |
| Zwei Maenner betraten den Platz und Azzuro deutete mit dem Schnabel auf die |
| beiden. |
| |
| "Da. Samson und Gregory." |
| |
| "Was ist mit ihnen?" |
| |
| "Gleich werden sie mit ihren Saebeln rasseln und..." |
| |
| "Scht!" |
| |
| Verlegen blickte Azzuro auf die Frau, die sich gerade ueber den Brunnen beugte |
| und Wasser schoepfte. "Ups." |
| |
| "Du weisst, dass _sie_ uns nicht hoeren duerfen." |
| |
| "Ja.", antwortete Azzuro kleinlaut. "Ich weiss." |
| |
| Hier unterbreche ich noch einmal den Lauf der Handlung, um Ihnen, liebe |
| Leserin, lieber Leser, zu erklaeren, was Turtelkraehen nun eigentlich sind. |
| |
| Turtelkraehen, wie der Name vermuten laesst, treten immer paarweise auf. Ein |
| Maennchen, in unserem Fall Azzuro, und ein Weibchen, Ulo, wie Sie sich |
| bestimmt schon gedacht haben. Was Sie nicht wissen koennen, ist, dass die |
| Turtelkraehen ein Geschenk der Goetter sind, und somit keineswegs das, was |
| sich ein normaler Mensch wuenschen wuerde. Sie gehoeren zu jeder Geschichte, |
| in der Liebende auftauchen. Fragen Sie mich nicht, warum, denn das haben die |
| Goetter vergessen zu erwaehnen. Die Aufgabe der Turtelkraehen ist es, die |
| Geschichte zu verfolgen und den Goettern der Sagenwelt Bericht zu erstatten. |
| Auch dies ist eine Funktion, die von den Goettern unerklaert blieb, doch ich |
| wage die Vermutung, dass Goetter zwar allwissend sind, aber dennoch nur zwei |
| Augen haben, die noch dazu nicht unabhaengig voneinander funktionieren. Oder, |
| um es anders auszudruecken, die Goetter sind wie Kaufhausdetektive, haben ihre |
| Augen immer nur auf einem Bengel in zerschlissenen Jeans und haben daher die |
| Turtelkraehen als eine Art Videoueberwachung installiert. Geschichten sind wie |
| das Endlosband einer telefonischen Warteschleife. Kennen Sie das? Sie warten |
| darauf, endlich eine Verbindung zu bekommen und hoeren sich schlecht |
| interpretierte Musik in noch schlechterer Qualitaet an, die immer wieder von |
| einer mehr oder minder freundlichen Stimme mit _Bitte_ _warten_, _please_ |
| _hold_ _the_ _line_ unterbrochen wird. Die Unterbrechung ist noch das |
| angenehmste am ganzen Band. Wann immer diese Pause kommt, die andeutet, dass |
| das Band nun ein Ende erreicht hat, steigt Ihre Spannung und Sie erwarten, |
| gleich eine vielleicht nicht ganz so freundliche, dafuer aber menschliche |
| Stimme zu hoeren, doch in Wahrheit spult sich das Band nur zurueck, um dem |
| Anrufer die Langeweile zu verkuerzen. Falls Sie sich fragen, warum das Band |
| dann endlos ist, werden Sie weiter ratlos bleiben muessen, denn darauf wissen |
| selbst die Goetter keine Antwort. Bekanntermassen hatten die Goetter ohnehin |
| nicht viel damit zu tun, die Warteschleife zu erfinden, dieses zweifelhafte |
| Verdienst ist das der Hoelle. Damit soll Ihnen auch nur nahe gebracht werden, |
| dass eine Geschichte endlos weitergeht, auch, wenn sie ihr scheinbares Ende |
| erreicht hat. Sobald der eine Mensch die Warteschleife verlaesst und der |
| naechste vom Besetztzeichen der Langeweile zur Kurzweil der Warteschleife |
| vorrueckt, beginnt die Geschichte von vorne. |
| |
| So erklaert sich, dass Ulo und Azzuro reichlich Zeit hatten, die Geschichte |
| kennenzulernen. Waehrend sie fuer die Akteure unseres Dramas jedes Mal neu |
| ist, kennen die Turtelkraehen sie auswendig. Warum sie dann trotzdem weiterhin |
| den Fortgang beobachten muessen, bleibt unklar, obwohl es vermutlich mit der |
| Gewerkschaft zusammenhaengt. |
| |
| Ulo und Azzuro sitzen auf dem Brunnen und betrachten die Tragoedie, die sich |
| vor ihren Augen abspult, wie ein altes Ehepaar die fuenfundzwanzigste |
| Wiederholung von Vom Winde Verweht anschaut: Jeder (und jede) weiss, wann der |
| (oder die) andere Taschentuecher benoetigt und wann er (oder sie) dem (oder |
| der) anderen die Augen zuhalten muss. Leider haben die Turtelkraehen auch eine |
| andere Eigenschaft des alten Ehepaares: Wann immer eine besonders gelungene |
| Szene kommt, weisen sie einander im Voraus darauf hin und verderben sich damit |
| jede Spannung. |
| |
| Bitte verzeihen Sie die umstaendliche Klammersetzung, aber Ulo besteht darauf. |
| Sie, liebe Leserin, lieber Leser, koennen sich mit Sicherheit vorstellen, was |
| geschaehe, wenn ein Kinobesucher Scarlett verriete, wie widerlich Rhett sich |
| ihr gegenueber verhalten wird. Sie koennen es, nicht wahr? Und daher ist es |
| Turtelkraehen strikt verboten, sich ueber Geschehnisse, die der werdenden |
| Mutter Zukunft noch nicht einmal Wehen verursachen, zu unterhalten. Ganz |
| undenkbar, wenn sie gar das Geschlecht des Kindes verrieten, dass Zukunft |
| gebaeren wird! |
| |
| Kehren wir also zurueck zu unserer Geschichte und hoffen, dass Ulos Ermahnung |
| Azzuro von weiteren Verfehlungen abhalten wird. |
| |
| Wir erinnern uns, dass gerade Samson und Gregory auf den Platz kamen. Samson |
| pfiff einer jungen Frau hinterher und handelte sich einen Rippenstoss von |
| seinem Freund ein. |
| |
| "Lass die Maedels in Ruhe, Sam.", verlangte Gregory. |
| |
| "Ach, komm schon, sie ist wirklich niedlich." |
| |
| Gregory schaute ueber die Schulter und konnte dem nur zustimmen. "Hey, wonach |
| mir jetzt wirklich der Sinn stuende, das waere der eine oder andere Capulet." |
| |
| Samson grinste. "Am Spiess?" |
| |
| "Waere doch was, nicht?" |
| |
| "Und dann haeuten wir ihre Frauen?" |
| |
| "Faellt dir nichts besseres ein?", fragte Gregory. |
| |
| "Ich wuesste nichts besseres, als eine Frau mit meinem Spiess zu haeuten." |
| |
| "Oh, _die_ Haut meinst du. Du solltest Maedchen sagen." |
| |
| Ulo schuettelte sich und liess etwas fallen, was hier auf mit Ruecksicht auf |
| jugendliche Leser (entschuldige Ulo) und Leserinnen nicht naeher benannt |
| werden soll. |
| |
| "Die Kraehe hat mir auf den Kopf ge..." Samson holte ein nicht allzu sauberes |
| Taschentuch heraus und wischte sich ueber die beginnende Glatze. |
| |
| "Das wird dich lehren, du Mistkerl!", kraechzte Ulo. |
| |
| "Und sie lacht auch noch." Samson fluchte. Er hatte Ulos Worte nicht |
| verstanden, da diese klug genug gewesen war, Kraehisch zu sprechen, doch der |
| Tonfall war unverkennbar. |
| |
| "Du spinnst, mein Freund. Seit wann lachen Kraehen? Steck den Saebel weg." |
| |
| "Ich bring das Vieh um!" Samson war keineswegs der Mann, der seine Emotionen |
| kontrollieren konnte oder wollte. |
| |
| "Dann lass das Ding halt draussen, aber da drueben findest du ein groesseres |
| Ziel." Samson grinste breit und entbloesste ein Gebiss, das einen Zahnarzt ein |
| Jahr lang ernaehrt haette. "Capulets! Lasst sie mir!" |
| |
| "Wo mag er das nur aufgeschnappt haben? Im Original steht nichts |
| dergleichen.", bemerkte Azzuro verdriesslich. |
| |
| "Halt! Wenn du so einfach losrennst, ist das nicht gut. Vergiss nie, dass wir |
| das Gesetz auf unserer Seite haben wollen." Gregory hielt seinen Kameraden am |
| Aermel zurueck. |
| |
| "Wen?" |
| |
| "Das Gesetz. Wenn du losstuermst und sie einfach angreifst, sind wir die |
| Boesen und bekommen Schwierigkeiten. Also lass mich machen, ich sorge dafuer, |
| dass wir in Notwehr handeln." |
| |
| Samson begriff nicht, was Gregory mit Gesetzen wollte, aber das Wort |
| Schwierigkeiten weckte in ihm jene Vorsicht, die allen untergeordneten |
| Soldaten dieser und aller anderen Welten gemein ist. Schwierigkeiten, das |
| hatte etwas mit wuetenden Vorgesetzten, Latrinenputzen und Wochenenddienst zu |
| tun, davon hielt man sich besser fern. |
| |
| "Zeig ihm den Stinkefinger.", schlug Samson vor. |
| |
| "Aber nicht doch, dann haetten wir das Gesetz nicht auf unserer Seite." |
| Gregory schuettelte vehement den Kopf und streckte nichtsdestotrotz den |
| Mittelfinger in unmissverstaendlicher Geste vor. |
| |
| "Hey, aber du zeigst ihm den Finger? Ich denke, das duerfen wir nicht?" Samson |
| verstand seinen Kameraden nicht. |
| |
| "Wie? Zeigst du den Stinkefinger?", verlangte auch Abraham zu wissen. |
| |
| "Jawoll, ich zeige den Stinkefinger.", grinste Gregory und betrachtete die |
| Hand Samsons, der ihm alles nachahmte. |
| |
| "Zeigst du ihn am Ende _mir_?" Abraham freute sich sichtlich auf die Antwort. |
| |
| Samson fluesterte: "Ist das Gesetz auf unserer Seite, wenn ich ja sage?" |
| |
| "Nein, bloss nicht." Gregory stupste seinen Freund in die Seite. "Lass mich |
| machen." |
| |
| "Also, ich zeige den Stinkefinger, aber wie kommst du nur darauf, dass ich ihn |
| dir zeigen koennte? Mein armer Finger! Das taete ich ihm niemals an!" |
| |
| "Wie war das? Sucht ihr Streit?" |
| |
| "Welch eine Unterstellung!" |
| |
| "Schade." Abraham grinste. "Ich sehe eine gute Gelegenheit, euch beiden zu |
| zeigen, dass Capulet alle Male besser ist als Montague." |
| |
| "Pah." Gregory schnaubte. |
| |
| "Bloedsinn, die spinnen, die Capulets.", fuegte Samson aus tiefster |
| Ueberzeugung hinzu. |
| |
| "Schon wieder!", empoerte sich Azzuro. |
| |
| "Oh doch, das ist es." |
| |
| "Ist es nicht." |
| |
| "Doch." |
| |
| "Nein." |
| |
| ... |
| |
| Liebe Leserin, lieber Leser, setzen Sie in Gedanken dieses Auftrumpfen noch |
| ein wenig fort. In Anbetracht der Tatsache, dass wir es mit erwachsenen |
| Maennern zu tun haben, wollen wir uns nicht etwa Kinder vorstellen, die sich |
| ueber die Groesse der Autos ihrer Vaeter streiten, sondern zum Beispiel |
| Fussballfans, die sich nicht darueber einig werden koennen, welcher Verein es |
| eher verdient hat, den Pokal zu gewinnen. Wie jeder gestandene Fussballfan |
| Ihnen bestaetigen kann, haengt der Gewinn des Pokals ja in keiner Weise von |
| den Faehigkeiten der Spieler oder des Trainers ab, sondern ausschliesslich von |
| der Intensitaet des Glaubens der begeisterten Zuschauer. Fussball, so wissen |
| wir, war zu jener Zeit noch nicht erfunden, doch wo immer zwei Mannschaften |
| sind, finden sich auch Fans. Den Rest zu erklaeren ueberlasse ich weiseren |
| Menschen. |
| |
| Eines wollen wir aber nicht vergessen: Wo immer sich zwei Trupps von Hooligans |
| gegenueberstehen, ist der Fanbetreuer nicht weit und versucht, Frieden zu |
| stiften. Gerade erinnerte Samson Gregory an seinen Lieblingsziegelstein. |
| Verzeihung, seinen besten Saebelstreich, als Benevolio das nahende Unglueck |
| sah. |
| |
| "Hoert ihr auf!" Benevolio zog seinen eigenen Saebel und schlaegt damit die |
| der Kombattanten herunter. "Ihr habt sie wohl nicht mehr alle. Frieden jetzt, |
| sonst hol ich die Polizei." |
| |
| "Hol die Bullen, mein Junge, aber steck den Zahnstocher weg.", knurrte |
| Gregory. |
| |
| Benevolio ruempfte die Nase ueber die ungepflegte Ausdrucksweise. "Lern erst |
| mal vernuenftig zu reden, dann hoere ich dir vielleicht auch zu. Und jetzt |
| friedlich hier!" |
| |
| Ulo streckte den Kopf vor. "Ist er nicht ein Schaetzchen, unser Benevolio?" |
| |
| "Ein wahrer Held.", meinte Azzuro hoehnisch. "Nicht, dass er viel damit |
| erreichte." |
| |
| "Wieso?" |
| |
| "Guck mal da rueber. Tybalt kommt." |
| |
| "Der Raufbold der Capulets? Na, dann haben wir ja gleich den schoensten Tanz |
| hier." |
| |
| Ulo reckte den Kopf. |
| |
| Tybalt fragte nicht lange, sondern zog seinen Saebel blank. "Ja, was haben wir |
| denn hier? Benevolio Montague, schau an. Und er hat auch noch zwei Freunde |
| dabei. Das macht drei gegen zwei, wenn ich mich nicht taeusche. Schaemt ihr |
| euch nicht, oder habt ihr etwa Angst?" |
| |
| "Schau an, er kann rechnen." Ulo lachte kraechzend. |
| |
| "Von Muffensausen kann keine Rede sein.", meinte Samson. |
| |
| Benevolio schenkte Tybalt einen veraechtlichen Blick. "Nein, keine Angst, mein |
| Lieber, nur der Wunsch, Frieden zu stiften." |
| |
| "Indem ihr unsere Leute _umbringt_? Nicht gerade die feine Art, Herr |
| Benevolio. Ich werde Ihnen schon zeigen, wie friedlich wir sind, wenn wir |
| angegriffen werden." |
| |
| Sie kennen alle die schoenen Schlaegereien, die zum Western gehoeren, wie der |
| rechte Schuh zum linken? Man pruegelt sich und achtet nicht weiter darauf, wen |
| man gerade trifft, schliesslich ist jeder, der sich in die Naehe der Keilerei |
| wagt entweder beteiligt oder selber schuld. Harmlose Passanten gibt es nicht, |
| wer seine Zaehne behalten will, hat nur eine Moeglichkeit, dies zu erreichen: |
| Er muss tot spielen und sich der Gefahr aussetzen, harte Tritte gegen weiche |
| Teile zu kassieren oder er muss schneller zuschlagen als alle anderen. Binnen |
| kuerzester Frist ist eine Schlaegerei im Gange, die ihresgleichen sucht. |
| |
| Wie immer in solchen Faellen platzt die Polizei mitten hinein, und da ihre |
| Angehoerigen ebenfalls Menschen sind, koennen sie nicht umhin, bei der einen |
| Partei ein wenig mehr Frieden zu stiften als bei der anderen. Halten wir der |
| Polizei, insofern man fuer Individuen einen solch generalisierenden Ausdruck |
| verwenden kann, zugute, dass sie bei all ihrer Menschlichkeit und Fehlbarkeit |
| nichtsdestoweniger auf Ausgeglichenheit achtet, so dass fuer jeden Anhaenger |
| der Capulets auch einer der Montagues eingestellt wird. Oder, um es ein wenig |
| polemischer auszudruecken, keine der beiden Seiten bekommt weniger Polizei als |
| die andere. |
| |
| Herr Capulet, der gerade seine Gattin auf einem Spaziergang begleitete, hatte |
| seine helle Freude, als er die wunderschoene Pruegelei sah. "Das gibt es ja |
| nicht! Ca-Pu-Let, Ca- Pu-Let!" |
| |
| "Idiot. Und guck nur, er hat einen Morgenrock an.", kommentierte Ulo. "Der |
| Kerl ist wirklich senil." |
| |
| "Lass ihn doch. Der alte Knochen kann nur noch bruellen." Azzuro zuckte die |
| Schultern. |
| |
| "Sollte mich wundern, wenn er es dabei beliesse." Ulo kannte ihre Pappenheimer. |
| |
| "Verdammt, wir verlieren! Mein Schwert!" |
| |
| Frau Capulet, jeder Zoll eine Dame und sich voellig im Klaren ueber den |
| Zustand ihres Gatten, laechelte ein wenig. "Du meinst gewiss deine Kruecke, |
| mein Schatz." "Ich meine mein Schwert." |
| |
| "Sag ich doch.", erwiderte seine Gattin malizioes. |
| |
| Herr Capulet, der ahnte, was ihn daheim erwartete, wenn er seiner Gattin jetzt |
| widerspraeche, zuckte nur die Schultern und begnuegte sich damit, die |
| Capuletanhaenger anzufeuern und uebersah in seinem Eifer ganz und gar, dass |
| inzwischen auch Herr Montague mit seiner Frau das Schlachtfeld betreten hatte. |
| Herrn Montague war die Gestalt seines Lieblingsfeindes allerdings keineswegs |
| entgangen. "Du hinterhaeltiger Sack! Wozu hast du deine Leute angestiftet!" Er |
| stuerzte mit erhobener Faust auf Capulet zu. "Du, du..." |
| |
| "Du Capulet.", soufflierte Azzuro und handelte sich einen zornigen Blick von |
| Ulo ein. Dankbar nahm Montague die Hilfestellung an. "Du _Capulet_, dir zeig |
| ich, was ein echter Montague ist!" |
| |
| "Jetzt wird es erst lustig.", freute sich Ulo und setzte sich in Positur. |
| "Bestimmt bekommen wir gleich eine bilderbuchreife Herzattacke zu sehen." |
| |
| "Nichts da." Azzuro deutete mit dem Schnabel auf die Polizisten. "Da, siehst |
| du? Sie haben es geschafft, die beiden Seiten zu trennen." |
| |
| Ulo seufzte. "Schade." |
| |
| Die Polizisten hatten die beiden feindlichen Seiten saeuberlich aussortiert |
| und an den gegenueberliegenden Seiten des Platzes Aufstellung nehmen lassen. |
| Zu jener Zeit hielt man sich nicht lange damit auf, die Personalien |
| festzustellen, die Raufbolde abzufuehren, auszunuechtern und nach einigen |
| Wochen oder Monaten vor Gericht zu stellen, man sammelte die Ueberreste der |
| Pruegelei ein und fuehrte sie dem Richter einfach vor, der lange nicht so |
| ueberlastet war, wie es die Gerichte in unserer leidgeplagten Zeit sind. So |
| geschah es auch jetzt. Das Gericht, in Gestalt des Buergermeisters Escalus |
| betrat den Gerichtshof, will sagen, den Marktplatz, und nahm am Brunnen |
| Aufstellung. |
| |
| "Was ist hier los?", verlangte Escalus zu wissen. |
| |
| "Sie haben sich gepruegelt.", bemerkte Ulo leise. |
| |
| "Danke, soviel kann ich selber aus den blutigen Nasen ablesen." Escalus |
| ignorierte die fragenden Blicke, denn er wusste ja nicht, dass er als Einziger |
| Ulos Worte gehoert hatte. "Mir reicht es jetzt, Herrschaften. Geht es schon |
| wieder um die alte Fehde?" Montague und Capulet, beides Maenner, die fuer ihre |
| Angestellten und Anhaenger einstanden, nickten betreten. |
| |
| "Ich habe die Nase voll. Statt euch wie anstaendige Menschen zu benehmen, |
| pruegelt ihr euch auf offener Strasse, als gaebe es keine zivilisierte Art, |
| die Angelegenheit zu regeln." |
| |
| "Hoert, hoert." Azzuro grinste. |
| |
| "Warum erfindest du nicht den Fussball?", fragte Ulo so leise, dass wieder nur |
| Escalus sie hoeren konnte. |
| |
| Wenn die Goetter der Mythenwelt Ulo jetzt gehoert haetten, waere sicherlich |
| ein Blitz vom Himmel gekommen und haette sie erschlagen. Doch die Goetter |
| waren anderweitig beschaeftigt, so kam es, dass Ulo ungeschoren davonkam und |
| statt des strafenden Blitzes einer der Eingebung einschlug. Er traf auch nicht |
| Ulo, in deren Kopf schon genug mehr oder minder dumme Ideen herumspukten, |
| sondern Escalus, der tief Luft holte und die grandiose Idee in seinem Hirn |
| speicherte, wo sie bis zu ihrer Reife liegen sollte. _Eines_ _Tages_, so |
| dachte sich Escalus, _wird_ _die_ _Welt_ _friedlicher_ _sein_. _Dann_ _tragen_ |
| _wir_ _unseren_ _Streit_ _nicht_ _mehr_ _mit_ _Waffengewalt_ _aus_, _sondern_ |
| _spielen_ _statt_ _dessen_ _Fussball_. _Das_ _wird_ _eine_ _bessere_, |
| _weisere_ _Welt_ _sein_, _ganz_ _bestimmt_. _Dann_, _eines_ _schoenen_ |
| _Tages_, _werden_ _zwei_ _verfeindete_ _Lager_ _ihre_ _besten_ _Leute_ |
| _auswaehlen_ _und_ _sie_ _in_ _fairem_ _Wettkampf_ _ihren_ _Streit_ _beilegen_ |
| _lassen_. _Ja_, _das_ _wird_ _wirklich_ _eine_ _bessere_ _Welt_ _sein_. _Ich_ |
| _muss_ _mir_ _nur_ _noch_ _ueberlegen_, _wie_ _man_ _Fussball_ _spielen_ |
| _soll_. |
| |
| Halten wir Escalus zugute, dass er noch nichts von Fans wissen konnte. |
| |
| "Das ist jetzt das dritte Mal, meine Herren. Dreimal hat euer verfluchter |
| Haendel schon die ganze Stadt in Aufruhr gestuerzt." |
| |
| Er haette hinzufuegen koennen, dass bei jeder dieser Auseinandersetzungen |
| Steuerzahler starben oder fuer laengere Zeit arbeitsunfaehig wurden, so dass |
| man ihm persoenlichen Schaden zufuegte, aber ein solcher Mann war Escalus |
| nicht. Statt dessen dachte er nur an die Menschen, die durch diesen dummen |
| Streit keine Ruhe fanden und nie wussten, ob sie am naechsten Morgen ihre |
| Stadt noch so vorfinden wuerden, wie sie am Abend, als sie sich schlafen |
| legten, noch gewesen war. Wer konnte sagen, ob nicht am naechsten Tag alles in |
| Schutt und Asche lag, was noch am Vortag als fuer die Ewigkeit gebaut |
| ausgesehen hatte? Wer wusste, ob und wann der Streit zwischen den beiden |
| Familien eskalierte? Wer konnte guten Gewissens _Bis_ _morgen_ zu seinen |
| Freunden sagen, wenn er nicht wusste, ob er nicht beim Ueberqueren des Marktes |
| alle Gedanken an ein Morgen gegen die unendliche Gleichgueltigkeit des Todes |
| eintauschte? Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, jemals eine Dorfkirmes |
| besucht? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen, sich ein solches Spektakel einmal |
| anzusehen. Vielleicht gehen Sie am Samstagabend hin, wenn die jungen Maenner |
| des Oberdorfes sich zum Bier an einem der drei Bierstaende treffen, waehrend |
| die des Unterdorfes am zweiten stehen und die Erwachsenen, Distinguierten, |
| Weiseren, in der Mitte zwischen den beiden Bierstaenden bei einem Glas sitzen |
| und ueber Politik sprechen, waehrend sie darauf warten, dass der Spass |
| anfaengt. Betrachten Sie die Szene und stellen Sie sich vor, dass statt der |
| Faeuste Messer und Degen im Einsatz sind, dann koennen Sie sich in Escalusens |
| Lage versetzen, der nichts anderes will, als endlich Frieden in seiner Stadt - |
| und allen Menschen ein Wohlgefallen. |
| |
| Escalus war ein praktischer Mann, auch wenn ihm die Idee von einem Spiel, dass |
| die Geschicke der Menschheit entschiede, ausnehmend gut gefiel. Moralische |
| Skrupel plagten ihn weniger als die Probleme, die sich aus einer Fortsetzung |
| des Streits ergaben. "Geht mir aus den Augen und wieder an eure Arbeit, Leute. |
| Und benehmt euch wie Menschen, statt euch wie Tiere gegenseitig zu |
| zerfleischen." Er schielte ein wenig, um beide Seiten des Marktplatzes |
| gleichzeitig scharf ins Auge zu fassen. "Damit das eine klar ist: Ich dulde |
| nicht, dass ihr euch weiterhin daneben benehmt. Wenn ich einen erwische, der |
| sich mit einem anderen schlaegt, schlage ich mit der Faust dazwischen und |
| lasse ihn auf der Stelle enthaupten. Verstanden?" Escalus wartete vergebens |
| auf das verlegene Fuessescharren, das eine solche Drohung eigentlich |
| hervorrufen sollte. Langsam, ein wenig widerstrebend machten sich die Buerger |
| wieder auf den Weg zu ihren Haeusern und ihrer Arbeit. Capulet, immer noch in |
| seinem gaenzlich unpassenden Morgenmantel, folgte Escalus zu dessen Buero, um |
| dort zu einer Geldstrafe verdonnert zu werden, denn schliesslich war bei dem |
| Streit ein Sachschaden entstanden, den Escalus ersetzt sehen wollte. Es |
| interessierte Escalus nicht im geringsten, wer den Streit heute vom Zaun |
| gebrochen hatte, solange er sowohl von Capulet als auch von Montague eine |
| finanzielle Entschaedigung erhielt. Darin unterschied sich Escalus wenig von |
| den heutigen Kommunen, die sich auch nicht besonders darum kuemmern, ob |
| Nachbars Hund auf die Strasse lief und damit ursaechlich verantwortlich dafuer |
| war, dass Herr Mueller oder Frau Schmitz gegen die Ampel fuhr - zumindest |
| solange nicht, wie die Ampel bezahlt wird. |
| |
| Lassen wir also Escalus seinen Schadenersatz kassieren und folgen Ulo und |
| Azzuro, denen es auf dem Marktplatz zu langweilig wurde, bis zu Montagues |
| Haus, wo sich Benevolio Herrn Montague gegenueber rechtfertigen muss. |
| |
| "Ehrlich, Onkel, ich hatte ueberhaupt nichts mit der ganzen Angelegenheit zu |
| tun." |
| |
| "Das sagst du jetzt.", regte sich Herr Montague auf. |
| |
| Frau Montague hatte als kluge Hausfrau nichts dafuer uebrig, ueber vergossene |
| Milch zu klagen. "Wo steckt eigentlich Romeo?" |
| |
| "Lass Romeo jetzt, Liebste. Also, mein lieber Neffe, was war los?" |
| |
| "Also, da waren dieser Capulet, der sich mit Samson und Gregory angelegt |
| hatte. Offenbar wollte er sich pruegeln, als ich dazu kam." |
| |
| "Eine Gelegenheit, die du dir nicht entgehen lassen konntest, nicht wahr?", |
| fragte Herr Montague scharf. |
| |
| "Keineswegs, Onkel, ich habe nur versucht, die drei zu trennen. Tja, und dann |
| kam Tybalt Capulet dazu." |
| |
| "Nur gut, dass Romeo nicht dabei war, dieser Tybalt haette ihn am Ende |
| verletzt.", liess sich Frau Capulet vernehmen. |
| |
| "Die stellt sich vielleicht wegen des Bengels an.", knurrte Ulo von einem Ast, |
| der, als haetten die Goetter ihn extra dort wachsen lassen, gerade so weit an |
| das Fenster heranreichte, dass die beiden Turtelkraehen das Gespraech im |
| Innern des Hauses mitverfolgen konnten. |
| |
| "Sie gibt nicht auf.", meinte Azzuro. "Was hat sie denn mit dem Jungen?" |
| |
| "Ach, wahrscheinlich ist er wieder hinter irgendeiner Frau her und heult sich |
| deswegen die Augen aus." Ulo hielt nicht viel von Romeo. |
| |
| "Er ist halt jung." Azzuro hatte fuer das Verhalten Romeos deutlich mehr |
| Verstaendnis. |
| |
| "Tybalt missverstand die Situation und hoerte mir auch nicht zu, als ich es |
| ihm erklaeren wollte." |
| |
| "Sieht ihm aehnlich." Herr Montague kannte Tybalts schlechten Ruf. |
| |
| "Naja.", machte Benevolio gedehnt. "Ich musste mich doch gegen ihn |
| verteidigen." |
| |
| Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, wie Gregory sich eingangs |
| ueber Notwehr aeusserte? Er hatte offenbar Erfolg mit seiner Taktik. Nur mit |
| Buergermeister Escalus hat Gregory nicht gerechnet. Wenn Herr Montague |
| wuesste, wie die Notwehr zustande kam, zoege er die Geldstrafe, die er nun zu |
| zahlen hat, sicherlich von Gregorys Sold ab. |
| |
| "Wo ist denn nur Romeo?" Frau Montague war offensichtlich nicht bereit, die |
| Sache auf sich beruhen zu lassen. |
| |
| "Er hat sich wieder eingeschlossen.", antwortete Benevolio. |
| |
| "Was heisst das?", verlangte Frau Montague mit der Verve einer besorgten |
| Mutter zu wissen. |
| |
| "Weiss sie es am Ende wirklich nicht?", ueberlegte Ulo laut. |
| |
| "Wahrscheinlich nicht. Muetter nehmen ja immer nur das beste von ihren Kindern |
| an." Azzuro zuckte mit den Schultern. |
| |
| "Es heisst, dass er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und die Vorhaenge |
| zugezogen hat.", antwortete Benevolio. |
| |
| "Er hat die Vorhaenge zugezogen?" Frau Montague mochte an ein solch |
| unsittliches Verhalten bei ihrem Sohn nicht glauben. Wie Ihnen jedermann |
| bestaetigen kann, sind am hellichten Tage zugezogene Vorhaenge ein deutliches |
| Anzeichen liederlichen Lebenswandels, den Frau Montague ihrem Sohn nie |
| gestattet haette. Zumindest, so koennen Sie es in jedem Dorf lernen, zieht man |
| morgens die Vorhaenge auf und wahrt damit den Schein. |
| |
| "Sage ich doch, liebe Tante. Ausserdem hat er einen riesigen Vorrat an |
| Taschentuechern." |
| |
| "Was will er denn damit?", wollte nun auch Herr Montague wissen. |
| |
| "Ist doch klar.", murmelte Azzuro. |
| |
| "Komm, das muss ich mir ansehen." Ulo grinste haemisch. |
| |
| Sie flogen um das Haus herum, denn im Gegensatz zum Wohnzimmer lagen die |
| Schlafzimmer auf der Rueckseite des Hauses, zum Garten hinaus. |
| |
| "Hoer dir das an!" Ulo hatte ihre helle Freude an Romeos lautem Gejammer und |
| Gestoehne. |
| |
| "Was hat er denn, der arme Kleine." Auch Azzuro hatte kein Mitleid fuer |
| Menschen, die es so sehr uebertrieben. |
| |
| "Er hat Liebeskummer." |
| |
| "Och, da _tut_ er mir aber leid." |
| |
| "Ach, Rosaline!", erscholl es von drinnen, gefolgt von einem tiefen Seufzer. |
| |
| "Rosaline heisst sie also.", bemerkte Ulo ueberfluessigerweise. |
| |
| "Nicht Julia?" |
| |
| "Noch nicht, das kommt erst noch." |
| |
| Romeo, der den Kopf aus dem Fenster gesteckt hatte, warf einen verbluefften |
| Blick auf die Kraehen. "Oh nein, meine einzige und wahre Liebe heisst |
| Rosaline." |
| |
| Azzuro ueberlegte, wie er seinen Fehler wieder wett machen konnte. Er schaute |
| schnell zu Ulo, doch auch diese schien zu betroffen zu sein, um sein Vergehen |
| gegen die elementarsten Regeln des Turtelkraehendaseins den Goettern zu |
| petzen. |
| |
| "Ganz bestimmt ist sie das.", versicherte Azzuro schnell. "Sie ist ja auch |
| wunderschoen." |
| |
| Er trippelte verlegen von einem Fuss auf den anderen. |
| |
| "Ja, das ist sie. Aber wer ist Julia?" |
| |
| "Das braucht dich doch nicht zu interessieren, schliesslich ist Rosaline deine |
| einzige Liebe." |
| |
| "Hm." Romeo ueberlegte einen Moment, dann brach er wieder in Traenen aus. "Ja, |
| das ist sie. Und nie hat ein Mann eine so herzlose Frau geliebt." |
| |
| "Sie ist gemein zu dir?", fragte Azzuro. |
| |
| "Gemein ist gar kein Ausdruck. Ach, wenn ich nur wuesste, was ich tun muss, um |
| sie zu ueberreden." |
| |
| Benevolio bollerte gegen Romeos Tuer und verlangte von seinem Cousin |
| eingelassen zu werden, was Ulo und Azzuro zum Anlass nahmen, sich schleunigst |
| zu verdruecken. |
| |
| "Du bist wohl wahnsinnig geworden!", schnauzte Ulo ihren Gefaehrten an. |
| |
| "Wer ahnt denn, dass der dumme Kerl ausgerechnet in diesem Moment aus dem |
| Fenster guckt." verteidigte sich Azzuro. |
| |
| "Hoffentlich geht das gut." |
| |
| "Ach, da mach dir mal keine Sorgen. So wie der Junge gebaut ist, hat er |
| Rosaline und Julia morgen vergessen und rennt einer dritten hinterher." |
| |
| "Wie kommst du denn darauf?" |
| |
| "Ist doch klar. Er ist achtzehn, aus guter Familie und reich. Wie sollte er da |
| nicht ausreichend Maedchen finden, denen er unter die Roecke schauen kann?" |
| Azzuro blickte auf seinen eigenen reichen Erfahrungsschatz zurueck. |
| |
| "Du denkst auch immer das schlechteste." |
| |
| "Aber nein. So sind die jungen Burschen nun mal. Fuer ihn ist es einfach chic, |
| Liebeskummer zu haben." |
| |
| "Gut, dass du das hinter dir hast." Ulos Stimme liess vermuten, dass sie |
| diesen Satz als Mahnung verstanden wissen wollte. |
| |
| "Hoefische Minne hat mir noch nie gelegen.", verteidigte sich Azzuro. |
| |
| "Ja, ich weiss." Ulo seufzte und gab sich fuer einige wenige Augenblicke ihren |
| Traeumen hin. |
| |
| "Hoer auf damit, du weisst ja gar nicht, wovon du da traeumst." Azzuro kannte |
| seine Gefaehrtin. |
| |
| "Ach, weiss ich nicht?" |
| |
| "Nein. Wenn du gewollt haettest, dass ich dich minne, dann haettest du mich |
| niemals erhoeren duerfen." |
| |
| "Hm, haette ich besser getan, ja." |
| |
| "Versteh doch. Ich liebe dich ja, aber ich minne dich nicht. Zur Minne |
| gehoert, dass man die angebliche Geliebte nie bekommen kann." |
| |
| "Wie kommst du denn darauf?" |
| |
| "Na, Minne hat nicht viel mit erfuellter Liebe zu tun, sondern mehr mit |
| Aus-Der-Ferne- Schmachten." |
| |
| "Oh?" Ulos Stimme bekam eine deutliche Spitze. "Du vermisst mich also nicht, |
| wenn ich nicht bei dir bin?" |
| |
| "Du bist doch nie von mir weg.", verteidigte sich Azzuro. "Und ueberhaupt, |
| lenk nicht vom Thema ab." |
| |
| "Wer lenkt denn hier ab? Wahrscheinlich vergnuegst du dich ohnehin mit |
| irgendeinem Spatzenflittchen, wenn ich mal nicht in der Naehe bin." |
| |
| Azzuro, der genau wusste, welche Richtung die Diskussion nehmen wuerde, |
| betrachtete betont interessiert die Vorgaenge innerhalb Romeos Zimmer und zog |
| es vor, nicht zu antworten. |
| |
| Benevolio hatte es inzwischen geschafft, Romeo dazu zu ueberreden, die Tuer zu |
| oeffnen und ihn einzulassen. "Guten Morgen, Romeo.", begruesste er seinen |
| Vetter froehlich. |
| |
| "Ist es denn Morgen?", fragte Romeo duester. |
| |
| "Und was fuer einer. Los, mach die Vorhaenge auf und schau dir den wunderbaren |
| Sonnenschein an. Hoer nur, wie die Voegel singen." Benevolio riss die schweren |
| Vorhaenge zur Seite und erblickte die beiden Kraehen. "Naja, vielleicht singen |
| sie nicht ganz so schoen, aber die Sonne scheint auf jeden Fall." |
| |
| "Es ist schrecklich, aber ich bin so traurig, dass ich gar nicht sehen will, |
| wie die Sonne scheint, denn das sieht so aus, als wolle sie mich verspotten." |
| |
| "Keineswegs will sie das. Sie hat nichts anderes im Sinn, als dich |
| aufzuheitern." |
| |
| "Ist er irre?", fragte Ulo leise. |
| |
| "Aber nein. An ihm ist bloss eine Krankenschwester verloren gegangen.", |
| bemerkte Azzuro. |
| |
| "Was macht dich denn so traurig, Romeo? Willst du es mir nicht erzaehlen?" |
| fragte Benevolio. |
| |
| "Er ist wirklich ein Schaetzchen." Benevolio hatte unzweifelhaft Ulos Herz |
| fuer sich gewonnen. |
| |
| "Ein Psychiater koennte er auch sein." Azzuro konnte dem freundlichen |
| Benevolio nicht ganz so viel abgewinnen. |
| |
| "Mir ist langweilig, weil ich das nicht habe, was mir die Langeweile |
| vertreibt.", antwortete Romeo. |
| |
| "Er will eine Modelleisenbahn?", vermutete Azzuro. |
| |
| Benevolio hatte offenbar ebenfalls keine Vorstellung von dem, was seinem |
| Freund die Langeweile vertreiben koennte. "Was liebst du denn so sehr?" |
| |
| "Nicht was, sondern wen." |
| |
| "Liebe ist doch etwas schoenes, warum macht sie dich bloss so traurig?" |
| |
| "Weil ich Liebe gebe und keine bekomme. Ich fuehle mich wie eine leere |
| Flasche. Das, was einmal in mir war, wollten alle haben, aber jetzt, da ich |
| nur noch eine leere Flasche bin, gibt es niemanden mehr, der mich wieder |
| fuellen wuerde." |
| |
| "Eine Flasche ist er allerdings.", bemerkte Ulo. |
| |
| "Nein, ist er nicht.", wies Benevolio sie streng zurecht. "Moment, seit wann |
| koennen Kraehen reden?" |
| |
| "Seit Maenner Flaschen sind.", versetzte Ulo schnippisch. |
| |
| "Lass doch die bloeden Kraehen, Benevolio." Romeo mochte es gar nicht, wenn |
| man sich nicht so leicht von ihm ablenken liess. |
| |
| Azzuro stiess Ulo mit einem gekonnten Schubs vom Ast und trieb sie zu einem |
| Baum in sicherer Entfernung von Romeos Zimmer. "Halt bloss deinen vorlauten |
| Schnabel!" |
| |
| "Er hat uns bloed genannt." |
| |
| "Ja." |
| |
| "Und das aergert mich." |
| |
| "Aha?" |
| |
| "Weil ich nicht bloed bin." |
| |
| "Du darfst in _ihrem_ Beisein trotzdem keine Kommentare machen, das weisst |
| du." |
| |
| "Pah." |
| |
| "Weisst du es, oder nicht?" |
| |
| "Ja, ich weiss es. Aber er ist wirklich eine Flasche." |
| |
| "Das habe ich nicht bestritten. Wenn du jetzt deinen vorlauten Schnabel halten |
| kannst, koennen wir wieder zurueck und uns den Rest ansehen." |
| |
| Ulo antwortete nicht, sondern flog wieder zu ihrem Ast und spaehte durch das |
| Fenster auf die zuckenden Schultern Benevolios. |
| |
| "Lachst du mich aus?", fragte Romeo. |
| |
| "Mitnichten." Benevolios Stimme klang so ernst, dass selbst in Ulo Zweifel |
| erwachten. |
| |
| "Eigentlich weine ich." |
| |
| "Warum denn das?" |
| |
| "Weil du so arm dran bist, lieber Romeo." |
| |
| "Hoer auf, bitte. Wenn du jetzt auch noch weinst, fuehle ich mich nur noch |
| elender. Wenn das ueberhaupt geht." |
| |
| "Jaja, so geht das mit der Liebe." Benevolio grinste duemmlich. |
| |
| "Ja, genau so. Liebe, das ist ein Meer." |
| |
| "Ein Meer? Wie kommst du denn darauf?" |
| |
| Azzuro liess sich neben Ulo nieder. |
| |
| "Achtung, Romeo wird poetisch.", warnte Ulo ihren Gefaehrten. |
| |
| "Ein Meer, weil Traenen salzig sind und reichlich fliessen, wenn Liebe im |
| Spiel ist." |
| |
| "Aha. Ja, ich glaube, ich weiss, was du meinst." Benevolio war prosaischer als |
| sein Freund. |
| |
| "Ich glaube, ich mache einen Spaziergang." Romeo machte keine Anstalten, |
| aufzustehen, sondern seufzte nur tief. |
| |
| "Immer langsam, ich weiss doch noch nicht alles, das waere gemein, wenn du |
| mich jetzt so stehen liessest." |
| |
| "Ich bin sowieso nicht hier. Der echte Romeo ist woanders." |
| |
| "Und wo?" |
| |
| "Du willst wohl wissen, wie sie heisst?" |
| |
| "Gut gefolgert, lieber Watson." |
| |
| "Ich werde noch wahnsinnig!", stoehnte Azzuro. |
| |
| "Was ist denn los?" Ulo warf ihm einen verwirrten Blick zu. |
| |
| "Dauernd zitieren sie aus fremden Quellen, das macht mich irre." |
| |
| "Keine Sorge, du wirst dich nicht anders fuehlen als vorher." Ulo grinste. |
| |
| "Also soll ich dir vorstoehnen, wie sie heisst?", fragte Romeo mit einem |
| Grinsen. |
| |
| "Es reicht, wenn du es mir einfach sagst.", antwortete Benevolio. |
| |
| "Klar, ich mache jetzt voellig einfach mein Testament." |
| |
| "Nana, so weit ist es noch nicht. Du bist ja noch gruen hinter den Ohren." |
| Benevolio lachte. |
| |
| "Pfft.", machte Romeo. "So gruen bin ich nicht mehr, dass ich nicht weiss, wie |
| man liebt." |
| |
| "Das wiederum habe ich nicht bezweifelt. Nun sag endlich, wie heisst sie?" |
| |
| "Sie ist eine Frau." |
| |
| "Hm, dachte ich mir. Zumindest hatte ich keinen Grund, etwas anderes |
| anzunehmen." |
| |
| Romeo streckte seinem Vetter die Zunge heraus. "Und schoen ist sie auch." |
| |
| "Es war mir ebenfalls klar, dass du kein Kostveraechter bist." |
| |
| "Nein, ich verhungere lieber. Sie will mich nicht." |
| |
| "Klug und geschickt ist sie also auch noch?" |
| |
| "So geschickt, dass Cupidos Pfeil sie nicht trifft. Immer duckt sie sich weg." |
| |
| Wir wollen hier anmerken, dass auch Cupido zu jeder anstaendigen |
| Liebesgeschichte gehoert. Auch zu den unanstaendigen, aber von denen reden wir |
| hier lieber nicht, denn es mag ja sein, dass unter Ihnen, liebe Leserinnen, |
| liebe Leser, Minderjaehrige sind. Kennen Sie Cupido? Das ist der kleine, dicke |
| und nackte Bengel, den Sie auf fast jedem barocken Bild betrachten koennen. |
| Damals hatte man eine Vorliebe fuer das Kerlchen, weil ein nackter Saeugling |
| mit einem Bogen einfach lustig aussieht. Auf diese Weise gaben unsere |
| Vorfahren dem im Grunde ernsten Ding Liebe noch eine amuesante Wendung. Bitte |
| verwechseln Sie unseren kleinen Freund nicht mit den Engeln, die sind zwar |
| auch nackt, klein und dick, haben aber keinen Bogen in den pummeligen |
| Faeustchen. |
| |
| Romeo stellt sich Cupido noch nicht ganz so dick vor, dafuer sind seine Augen |
| verbunden. Zu Romeos Zeiten, in jener mythischen und so ganz und gar |
| unwirklichen Zeit, sah Cupido noch nicht, wen er mit seinen Pfeilen traf. Man |
| koennte denken, dass dies zu allerlei Verwirrung gefuehrt haben muss, etwa, |
| wenn sein Pfeil eigentlich dem Schaefer galt, der unaufmerksame Bengel |
| allerdings eines der Schafe traf, doch scheint dies so selten der Fall gewesen |
| zu sein, dass uns von solchen Geschehnissen nichts ueberliefert wurde. So |
| muessen wir annehmen, dass damit lediglich das Sprichwort illustriert werden |
| soll, das sagt: Wo die Liebe hinfaellt, da waechst kein Gras mehr. |
| |
| "Schlimmer noch." Jetzt stoehnte Romeo wirklich. "Sie ist eine wahre Diana, |
| was das Ausweichen angeht." |
| |
| Sie erinnern sich sicher an Diana, liebe Leserin, lieber Leser. Sie war die |
| Goettin der Jagd und Jungfrau von Beruf. Nichts und niemand konnte sie dazu |
| bringen, sich mit einem Mann, gleich ob Gott oder Mensch, einzulassen. So |
| schlimm trieb sie es, dass ein Mann zur Strafe, weil er ihr beim Baden |
| zugesehen hatte, in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden |
| gefressen wurde. Diese Anekdote sagt ebensoviel ueber die Intelligenz eines |
| Hundes wie ueber die des Mannes aus, denn beide vergassen ihre gesamte |
| Erziehung. Die Hunde, als sie den Hirsch rochen, der Mann, als er die Frau |
| sah. |
| |
| "Eine Diana, wie? Dann hat sie wohl lebenslange Keuschheit gelobt?" |
| |
| Romeo gab ein Geraeusch von sich, dass dem des gestellten Hirsches aehnlich |
| sein mochte. "Was soll ich nur machen? Sie ist wunderschoen und es ist |
| geradezu ein Frevel, dass sie ins Kloster will, denn damit verzichtet sie auch |
| darauf, ihre Schoenheit an die Nachwelt zu ueberliefern." |
| |
| "Noch ist nicht aller Tage Abend. Vielleicht bekommt sie ja trotzdem Kinder." |
| |
| "Trotz der Keuschheit? Das geht nicht." |
| |
| "Stimmt.", grinste Ulo. "Das gute Maedchen ist wohl lesbisch, wie?" |
| |
| Azzuro zuckte die Schultern. "Wer weiss das schon?" |
| |
| "Hm, wenn ich nur unter Frauen sein wollte, ginge ich auch ins Kloster." |
| |
| Azzuro lachte. "Spielt es eine Rolle? Ich meine, wenn sie ihn nicht will, dann |
| kann er sich auf den Kopf stellen und mit den Fuessen Hurra schreien, er wird |
| nicht erhoert." |
| |
| "Grausame Welt.", seufzte Romeo von drinnen. "Ich kann einfach nicht an sie |
| herankommen. Sie ist schoen, sie ist klug und ihre Weste ist so weiss wie |
| Schnee. Nichts, aber auch gar nichts gibt mir eine Moeglichkeit, sie zu |
| erpr..." Er unterbrach sich schnell. |
| |
| "Wollte er eben erpressen sagen?" fragte Ulo. |
| |
| "Ich nehme es an. Warum?" |
| |
| "Maenner!" |
| |
| "Du meinst Menschen." korrigierte Azzuro sie. |
| |
| "Ich meine Maenner. Wenn ich noch ein einziges Mal hoere, dass ein Mann eine |
| Frau rein und keusch nennt, weiss ich, was ich davon zu halten habe." |
| |
| "So typisch ist Romeo nun auch wieder nicht." |
| |
| Ulo schob den Einwand mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Fluegels beiseite. |
| "Ich werde nie wieder einem Mann weiter trauen, als ich ihn spucken kann." |
| |
| "Wir koennen nicht spucken, wir sind Voegel." |
| |
| "Eben." |
| |
| Azzuro schuettelte den Kopf ueber soviel Unvernunft. "Du brauchst ja auch |
| keinem Mann zu trauen, du hast ja mich." |
| |
| "Um so schlimmer." |
| |
| "He!", machte Azzuro. |
| |
| Benevolio betrachtete seinen Freund besorgt. "Lass dir einen Tip geben, Romeo. |
| Vergiss sie." |
| |
| "Vergessen? Sie? Genauso gut koennte ich das Atmen vergessen." |
| |
| "Kann er doch gar nicht.", meinte Azzuro. |
| |
| "Das will er damit ja sagen.", informierte ihn Ulo. |
| |
| "Ich sag dir, wie du sie vergessen kannst." Benevolio sah sich genoetigt, ein |
| wenig lauter zu sprechen, um das Geschrei der beiden Kraehen vor dem Fenster |
| zu uebertoenen. "Schau dich einfach ein wenig um. Andere Muetter haben auch |
| schoene Toechter." |
| |
| "Ach, damit machst du es ja nur noch schlimmer. Wenn ich andere Frauen sehe, |
| vergleiche ich sie immer mit ihr und dann haben die anderen verloren. Lass |
| mich lieber allein, ich will in meinem Schmerz ertrinken." |
| |
| "Er koennte ihn ersaeufen.", schlug Ulo vor. |
| |
| "In Schnaps?", fragte Azzuro. |
| |
| "Worin sonst? Meinst du, er versuchte, ihn mit einem Stein zusammen in einen |
| Sack zu stecken und in den Fluss zu werfen?" |
| |
| Benevolio kannte das Leid der Jugend und grinste verschaemt. "Warte ab, ich |
| lasse mir was einfallen." |
| |
| Kaum hatte Benevolio den Raum verlassen, als Romeo sich auf das Bett warf und |
| zum Steinerweichen schluchzte. |
| |
| "So ein Jammerlappen.", bemerkte Ulo. |
| |
| "Nun hoer schon auf, er ist noch jung und er ist verliebt." |
| |
| "Schon gut, das ist der Freibrief fuer jede nur denkbare Bloedheit." |
| |