DER VIERTE AKT
	DIE ZWEITE SZENE

Capulet ging mit seiner Frau die Gaesteliste durch. "Was meinst du, sollen wir
Cousine Adelgund einladen?"

"Bist du wahnsinnig? Wir haben Tante Frieda eingeladen!" Frau  Capulet  liebte
zwar die kleinen Sticheleien der Gesellschaft, eine Bombe im Haushalt war  ihr
allerdings zuwider.

"Ja,  wahnsinnig  bin  ich  wahrscheinlich."  Herr  Capulet  seufzte.  "Soviel
Aufhebens und Julia hat noch nicht einmal ein nettes Wort fuer mich."

Frau Capulet ueberwand sich und legte ihrem Mann die Hand  auf	die  Schulter.
"Eines Tages wird sie es verstehen."

"Was verstehen?", fragte Julia von der Tuer aus.

"Wieviel Muehe wir uns geben, um dich gut und anstaendig unter  die  Haube  zu
bringen." Abwesend zupfte Frau Capulet Julias Kleid gerade.

"Doch, ich verstehe schon." Julia schenkte ihren Eltern ein ebenso strahlendes
wie falsches Laecheln. "Ich verstehe sogar so gut,  dass  ich  Paris  heiraten
werde, ohne einen Aufstand zu probieren."

Herr Capulet blickte ueberrascht von der Gaesteliste auf. "Bist du  doch  noch
zur Vernunft gekommen? In dem Fall feiern  wir	die  Hochzeit  gleich  morgen,
damit du es dir nicht noch einmal anders ueberlegst."

Julia nickte ergeben. "Ganz wie mein Vater wuenscht."

Herr Capulet taetschelte ihr den Kopf. "Das ist Papas  kleines  Maedchen."  Er
begann zu stammeln. Offensichtlich wusste er nicht mehr, was er sagen  wollte.
"Jaja, der gute Bruder  Lawrence.  Bis  jetzt  hat  er  noch  jedem  den  Kopf
zurechtgerueckt. Ich bin ihm dankbar." Er zoegerte und fluechtete sich dann in
Phrasen. "Ach was, ganz Verona ist ihm zu Dank verpflichtet."

Julia nickte. "Zumindest ich stehe tief in seiner Schuld." Sie dachte  an  die
kleine Flasche in ihrer Handtasche und laechelte. "Mama, kann ich  morgen  ein
bisschen Schmuck von dir haben?"

Frau  Capulet  laechelte.  "Such  dir  nur  aus,  was  du  haben   moechtest."
Nachdenklich blickte sie Julia nach und wandte sich dann an ihren  Mann.  "Ich
denke nicht, dass wir den Termin auf morgen verschieben  sollten.  Uebermorgen
waere immer noch ein guter Tag und fuer morgen haben wir bestimmt nicht  genug
Vorraete im Haus."

"Ach, darum kuemmere ich mich schon." Herr Capulet war fest entschlossen,  die
milde Stimmung seiner Tochter auszunutzen  und	einen  Skandal	zu  vermeiden.
"Sorg du dafuer, dass Julia morgen herausgeputzt ist,  ich  putze  dafuer  das
Haus und erledige den Rest."

"Seit wann bist du unter  die  Hausmaenner  gegangen?",  fragte  Frau  Capulet
zweifelnd.

Ihr Mann brummte nur und beugte sich wieder ueber die Gaesteliste.

