DER DRITTE AKT
	DIE ZWEITE SZENE

Julia sass auf dem Rasen, starrte in einen Zierteich und seufzte tief.

Ulo kniff ein Auge zu. "Was sie wohl hat?", fluesterte sie Azzuro zu.

"Zuviel Sonne?", vermutete Azzuro.

Ein weiterer Seufzer Julias liess die  Beiden  wieder  hinunter  sehen.  Julia
ergriff einen Stein, wog ihn nachdenklich in der Hand und warf ihn  dann  nach
dem Spiegelbild der  Sonne  im	Teich.	"Geh  doch  weg.",  forderte  sie  die
unnachgiebige Sonne auf.

"Aber warum denn bloss?", entfuhr es Ulo lauter als geplant.

Julia blinzelte. "Weil du stoerst. Wenn du untergegangen  bist,  kommt  Romeo.
Also tu mir einmal einen Gefallen und beeil dich." Sie verlegte sich auf List.
"Guck mal, wenn du auch nur ein bisschen schneller waerest, dann koenntest  du
dich viel schneller ausruhen und vielleicht noch eine Weile lesen, oder so."

Azzuro stoehnte. "Als ob die Sonne da einen Einfluss drauf haette. Und welches
Buch sollte sie wohl lesen? Verbrennt doch sofort." Er  schuettelte  den  Kopf
ueber soviel Unvernunft.

"Sie weiss es ja nicht besser." Ulo war bereit, Julia die Ignoranz ihrer  Zeit
nicht anzulasten.

Julia schaute nach Westen. "Ich wuesste zu gerne, was  du  am  liebsten  isst,
Nacht,	dann  koennte  ich  dich  anlocken  und  du  kaemest  schneller."  Sie
laechelte. "Und mit dir kommt Romeo."

"Und ob er  kommt."  Azzuro  versuchte  ein  Hecheln  und  wartete  auf  einen
Rippenstoss von Ulo. Als dieser ausblieb,  blickte  er	verbluefft  auf  seine
Gefaehrtin.  Ulo  schaute  angestrengt	nach  Westen  und   schien   aehnliche
Ueberlegungen anzustellen wie Julia.

Ein weiterer Stein wanderte in Julias Hand und ahnte nichts von dem Schicksal,
das ihn erwartete: Er flog seinem Bruder nach in den Teich. "Da, so werfe  ich
dich weg, Jungfraeulichkeit."

Azzuro kicherte. "Wenn doch alle Frauen..."

Ulo schnaubte.

"Fuer meinen Romeo..." Julia brach ab und ein gieriger Ausdruck trat  auf  ihr
Gesicht. "MEIN Romeo, wie das klingt!"

Waehrend Ulo verstaendnisvoll nickte, wand Azzuro sich bei Julias Worten.

Julia schaute hoffnungsvoll zum Himmel, als dieser dunkler  wurde  und	drohte
dann einer vorwitzigen Wolke mit dem Finger. "Willst mich reinlegen, wie?  Als
koenntest du eine Nacht sein." Sie zog die Nase  kraus  und  liess  sich  dann
hintenueber fallen. "Allerdings siehst du fast aus wie mein Romeo."

Azzuro, der keinerlei Aehnlichkeit feststellen konnte, sah Polly, die so rasch
ihre alten Beine sie tragen wollten, zu Julia gelaufen	kam.  In  ihren  Armen
trug sie ein Buendel, das sich beim  Naeherkommen  als	eine  aufgerollte  und
hoffnungslos ineinander verknotete Strickleiter entpuppte.

Julia, die das Schnaufen Pollys hoerte, noch ehe sie  ihre  Amme  sah,	sprang
auf. "Polly! Hast du die Leiter?"

"Leiter, jajaja, die Leiter hab ich. Sofern man diesen Seilknubbel  noch  eine
Leiter nennen kann." Polly liess  die  Leiter  fallen  und  wischte  sich  den
Schweiss von der Stirn.

Julia betrachtete Polly  kritisch.  "Du  siehst  aus,  als  haettest  du  eine
schlechte Nachricht."

"Du liebe Guete, ja, allerdings eine schlechte Nachricht.  Weil  er  tot  ist.
Ach, jetzt ist alles vorbei und wir koennen uns gerade so gut  aufhaengen  mit
dieser unseligen Leiter." Sie rang die Haende. "Weil er naemlich tot  ist  und
nie wieder kommt."

Julia erbleichte und schluckte. "Was?"

"Ich sag doch, er ist tot."

"Das kann doch nicht wahr sein." Julia schuettelte den Kopf.

"Doch, allerdings ist es  wahr.  Das  haette  ich  Romeo  nun  wirklich  nicht
zugetraut!"

Die Blaesse in Julias Gesicht wich hektischen Flecken. "Der Teufel  soll  dich
holen, Polly!", schimpfte sie.

"Was, mich auch noch?" Polly war entsetzt.  Sie  wusste  zwar,  dass  sie  mit
einiger Sicherheit nicht das Paradies sehen wuerde, doch so  schnell  gedachte
sie nicht ihren Platz zu raeumen.

"Schlechte Nachrichten  kann  man  nicht  pruegeln,  wohl  aber  den  Boten.",
kommentierte Ulo.

"Ich wollte, du bekaemest einen einzigen Satz zusammenhaengend heraus, Polly."
Julias Geduld hatte sich  verabschiedet  und  sich  zu	James  in  die	Kueche
begeben, wo sie gemeinsam am  Sherry  naschten.  "Also,  da  du  einer  klaren
Aussage nicht faehig bist: Lebt Romeo? Und wehe, du  sagst  nicht  einfach  Ja
oder Nein!" Ihr Blick wanderte zu den Seilen und von dort zu Polly.

Polly, die ahnte, was  Julias  Blick  bedeutete,  holte  Luft.	"Ich  hab  ihn
gesehen, das ganze Hemd voll Blut. Und das ist doch  so  schwer  auszuwaschen.
Herrjemineh, er sah so traurig aus, blass und voller Blut wie er war." Traurig
sah sie Julia an und hoffte, ein wenig Mitleid zu erregen.  "Ich  konnte  mich
nicht mehr auf den Beinen halten."

Julia wurde wieder bleich. "Dann ist wirklich alles aus."

Polly zerdrueckte ein paar Traenen mit ihrem voluminoesen  Taschentuch.  "Ach,
ich mochte ihn so gern, weil er doch immer hoeflich und freundlich war.  Armer
Tybalt, jetzt bist du tot und kannst nie mehr nett sein."

Als Julia  daemmerte,  was  Polly  sagte,  atmete  tief  ein  und  fluchte  so
ausdauernd, dass Azzuro sie staunend anblickte. "Ich ahnte ja nicht, dass  sie
solche Worte kennt!", murmelte er anerkennend.

Auch Polly war offensichtlich entsetzt. "Kind, wie kannst du nur!"

Julia hingegen war laengst jenseits allen gesitteten Benehmens. "Wenn du jetzt
nicht augenblicklich sagst, wer tot ist, mein Lieblingsvetter Tybalt oder mein
Herzliebster Romeo, dann bringe ich dich um!"

Polly zweifelte nicht daran, dass Julia genau das tun wuerde. "Tybalt ist  tot
und Romeo hat ihn umgebracht. Romeo ist verbannt."

"Sieh an, was eine gezielte Drohung nicht alles erreichen  kann."  Ulo  haette
Julia applaudiert, wenn ihre Fluegel  das  zugelassen  haetten.  "Sogar  Polly
bekommt eine klare Aussage zustande."

Gestatten Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle  einen	Moment
zu verweilen. Beweist die Geschichte nicht an dieser  Stelle,  dass  auch  die
Goetter der Mythen einen gewissen Sinn fuer Humor haben? Doch laenger will ich
Sie nicht aufhalten, schon sehen Ulo und Azzuro mich wuetend an, weil ich  das
Band angehalten habe und den Anblick einer verwirrten  Polly  ebenso  geniesse
wie den der innerlich zerrissenen Julia.

"Sie sitzt wirklich in der Patsche, nicht?" Ulo  konnte  sich  ein  haemisches
Federschuetteln nicht verkneifen.

Julia rannte verzweifelt um den Teich herum. "Was soll  ich  nun  denken?  Wie
konnte Romeo das nur tun? Hat er zwei Gesichter? Hat er mich angelogen? Wollte
er nicht seine ganze Familie aufgeben? Hat er mich so hintergangen? Hat er  am
Ende nur gesagt, er liebe mich, um mich und meine Familie damit zu  kraenken?"
Sie drehte eine weitere Runde um den Teich.

"Maenner!", fluchte Polly mit Elan. "So sind  sie  doch  alle:  Hinterlistige,
heuchlerische, halbseidene Hazardeure!" Sie kramte in  ihrer  Handtasche  nach
einer flachen Flasche. "Da hilft nur noch Medizin."

Azzuro, der den Geruch von Pollys Medizin genuesslich einsog, haette ihr sogar
die Schmaehung aller Maenner vergeben, wenn  sie  ihm  nur  ein  paar  Tropfen
abgegeben haette.

"Nichts da!" Julia schlug Polly die Flasche aus der Hand. "Im  Hals  soll  dir
das Zeug stecken bleiben, weil du Romeo so etwas nachsagst."

Bedauernd schauten Azzuro und Polly  auf  die  Flasche,  die  ihren  kostbaren
medizinischen Inhalt an ein paar Wuermer  verteilte.  "Du  kannst  doch  nicht
sagen, dass der Mann, der  deinen  Vetter  umgebracht  hat,  ein  anstaendiger
ist.", meinte Polly verstaendnislos.

"Immerhin ist er mein Ehemann.", wies Julia ihre Amme zurecht. "Und  wenn  ich
mich nicht sehr taeusche, wird Romeo schon  einen  Grund  gehabt  haben."  Sie
ueberlegte und ihr Gesicht hellte sich auf. "Natuerlich, so  wird  es  gewesen
sein! Notwehr! Tybalt wollte meinen Romeo umbringen und  Romeo	hat  sich  nur
gewehrt." Befriedigt ueber diese Lesart hob Julia die Flasche wieder  auf  und
reichte sie Polly, die den Rest der Medizin in sich hineinschuettete.

Julia sah nachdenklich auf Azzuro, der sich mit den  Wuermern  um  die	kleine
Pfuetze stritt. "Viel schlimmer ist eine  andere  Sache.  Romeo  ist  verbannt
worden. Jetzt bin ich kaum drei Stunden verheiratet, aber meine Hochzeitsnacht
bekomme ich nicht."

Ulo konnte Julias Gesichtsausdruck nicht deuten. "So schlimm ist das nun  auch
wieder nicht."

"Doch." Azzuro wusste wohl,  dass  Julia  weniger  darunter  litt,  dass  ihre
Eheschliessung jetzt nichtig zu sein drohte. "Sie hat Ovid gelesen."

"Metamorphosen?", fragte Ulo.

"Ars amandi."

"Oh." Ulo war erstaunt.

"Wo sind eigentlich meine Eltern?", fragte Julia.

"Sie halten bei Tybalt die Totenwache. Ich kann  dich  hinbringen,  allerdings
solltest du dir vorher ein frisches Taschentuch holen."

"Nein, es reicht, wenn  sie  Heulen  und  Zaehneknirschen  demonstrieren,  ich
brauche  da  nicht  mitzumachen.  Ausserdem  muesste  ich  mich  zur   Haelfte
verstellen." Julia straffte die Schultern. "Ich gehe auf mein Zimmer und warte
auf mein Ende."

"Dafuer bist du noch zu jung, Kind. Es wird wohl noch eine Weile dauern."

"Wenn Romeo meine Jungfraeulichkeit nicht bekommt, dann auch kein anderer  als
Tod, der ohnehin am Ende alles bekommt."

"HM?", fragte eine dumpfe Stimme aus dem Schatten der Gartenmauer.

"Nicht jetzt." Ulo scheuchte Tod davon.

Polly, die Julias Blaesse missverstand und als Suizidabsicht  deutete,	ueber-
legte angestrengt. "Dann gibt es wohl keine andere Moeglichkeit, als dass ich
Romeo herbeischaffe. Er hat sich bei Bruder Lawrence versteckt."

"Warum hast du das nicht eher gesagt?" Julia riss sich den  Ring  vom  Finger,
den sie gerade erst von Romeo bekommen hatte. "Bring ihm den Ring und sag ihm,
dass er ihn mir wiedergeben soll."

