DER ERSTE AKT
	  DIE DRITTE SZENE

Im Boudoir Frau Capulets beobachteten Ulo und Azzuro zwei reichlich  ungleiche
Frauen. Die eine war Frau Capulet, zierlich und wenn schon nicht huebsch, dann
doch wenigstens geschickt geschminkt. Die andere war Polly, Julias  Amme,  die
dem Klischee ihres Berufes gerecht wurde, denn sie war frueh alt geworden  und
weniger geschickt im Umgang  mit  Schminke  als  Frau  Capulet.  Rundlich  und
inzwischen fast zahnlos, mit wirrem, fast ergrautem Haar und Falten,  die  man
Alpen nennen wuerde, wenn sie nur ein wenig groesser waeren, wirbelte  sie  so
schnell ihre krampfadrigen Beine sie tragen wollten durch das Zimmer.

"Ich hab ihr gesagt, dass sie herkommen soll. Jawohl, das habe  ich.  Und  ich
vergesse nie etwas.", murmelte sie vor sich hin.

"Sie ist jedenfalls nicht hier.", kommentierte Frau Capulet.

Polly holte asthmatisch Luft und rief: "Julia! Wo steckst du, Schaetzchen?"

"Ich bin ja schon da.", meinte Julia von der Tuer her.

"Oh. Sie muss aber noch ziemlich lange auf die Weide." Azzuro schuettelte  den
Kopf.

"Ist ja noch ein rechter Backfisch."

"Ich geb' dir gleich Backfisch auf den Schnabel.", drohte Ulo.

"Sieh sie dir doch an. Wenn sie einen Pfirsichkern verschluckt, sieht sie aus,
als sei sie im fuenften Monat!"

"Das waechst sich noch aus."

"Bestimmt. Aber bis dahin holt man sich blaue Flecken."

Ulo drehte sich empoert um und antwortete nicht mehr.

"Was ist denn, Mama?", wollte Julia wissen.

"Wie alt ist Julia jetzt, Polly?", fragte Frau Capulet.

"Die Schminke hat ihr das  Gehirn  verkleistert."  Ulo  kicherte.  "Sie  weiss
schon nicht mehr, wie alt ihre Tochter ist."

"Ich vergesse nie etwas und ich sage Ihnen, Julia ist noch  nicht  vierzehn.",
antwortete Polly. "Am ersten August  ist  sie  geboren,  da  wette  ich  meine
restlichen Zaehne drauf."

"Erster August, ja. Koennte hinkommen." Frau Capulet  hatte  sichtlich  Muehe,
sich an die Geburt Julias zu erinnern.

"Jawohl, da bin ich sicher, und ich vergesse nie etwas. Ich weiss sogar  noch,
wie sie an ihrem dritten Geburtstag hinfiel und  sich  eine  Beule  holte,  so
gross wie meine dicke Zehe. Und damals, das weiss ich auch noch, hat mein Mann
Gott-hab-ihn-selig sie in den Arm genommen, weil sie  so  schrecklich  geweint
hat. Und er sagte, dass sie jetzt noch jung genug sei, um auf das  Gesicht  zu
fallen, aber wenn sie aelter wuerde, werde sie	gewitzter  sein  und  auf  den
Ruecken fallen. Jawohl, das weiss ich noch,  als  waere  es  gestern  gewesen.
Sehen Sie, was ich fuer ein gutes Gedaechtnis habe."

"Ja, Sie haben ein gutes Gedaechtnis." Frau Capulet schaute abwesend  aus  dem
Fenster und versuchte vergeblich, Pollys Nebensaetze zu sortieren.

"Jajaja. Und mein Mann sagte noch, wenn sie gewitzt sei,  werde  sie  auf  den
Ruecken fallen und nicht auf das Gesicht. Und das Lustigste  daran  war,  dass
meine kleine Julia gleich aufhoerte, zu weinen und nur noch 'Ja.' sagte.  Ganz
so, als habe sie das alles  schon  verstanden.	Ich  musste  ganz  schrecklich
lachen, als mein Mann sagte, dass sie auf den Ruecken fallen wuerde, wenn  sie
aelter waere."

Mutter und Tochter stoehnten wie aus  einem  Munde  und  sahen	sich  dann  in
seltenem Einverstaendnis grinsend an.

"Du warst das huebscheste Kind, das  ich  je  gesehen  habe,  Julia.  Und  ich
vergesse nie etwas. Mein groesster Wunsch  waere,  dich  noch  verheiratet  zu
sehen."

"Das sollte sie besser nicht wuenschen.", meinte Azzuro.

"Warum denn nicht?" wollte Ulo wissen.

"Weil die Goetter sie sterben lassen koennten, wenn sie ihren Wunsch  hat.  So
geht das doch in Mythen."

"Ums Heiraten geht es gerade.", sagte Frau Capulet.

Sowohl im Zimmer als auch auf  dem  Ast  der  beiden  Turtelkraehen  wurde  es
schlagartig so still, dass man die beruehmte Stecknadel haette	fallen	hoeren
koennen.

"Das waere ja noch schoener.", meinte Julia.

"Nicht wahr?", fragte Polly, die sie absichtlich missverstand. "Wenn ich nicht
wuesste, wer dich gestillt hat, als du noch klein warst, und ich vergesse  nie
etwas, dann sagte ich, dass du die Klugheit nicht nur mit Loeffeln  gefressen,
sondern schon mit der Milch getrunken haettest."

"Ich denke noch nicht einmal darueber  nach."  Julia  hatte  sichtlich  Muehe,
nicht auf die Brueste ihrer Amme zu starren.

"Wenn ich mich nicht verrechne, dann war ich schon deine Mutter, als ich  noch
nicht so alt war wie du."

"Im Leben nicht.", meinte Azzuro.

"Mit dem Rechnen steht sie auf Kriegsfuss, vergiss das  nicht.  Immerhin  kann
sie ja noch nicht einmal sagen, wie  alt  Julia  ist."  Ulo  betrachtete  Frau
Capulet eingehend. "Aber so ungefaehr koennte es hinkommen. Sie  ist  bestimmt
nicht halb so alt wie ihr Mann."

"Wahrscheinlich warst du schon reifer, Mama."

"Wenn sie nicht merkt, dass Julia sie auf den  Arm  nimmt,  ist  sie  bestimmt
schon um einiges reifer." Azzuro zupfte bedaechtig eine Feder zurecht.

"Um wen geht es ueberhaupt?", wollte Julia wissen.

"Paris hat sich in dich verliebt.", antwortete ihre Mutter.

"Oh." Julia schien den Gedanken zu verarbeiten.

Polly brach in helles Entzuecken aus. "Ein richtiger Mann,  Julia.  Stell  dir
das nur vor! Ausserdem findest du bestimmt keinen Besseren, er ist  weich  wie
Wachs."

"Seltsame Prioritaeten.", murmelte Azzuro.

"Sie hat schon recht. Das ist es, worauf  es  bei  einem  Mann  ankommt."  Ulo
grinste niedertraechtig.

"Ach?"

"Wuesstest du etwas anderes?" Ulo  zerzauste  das  Gefieder  ihres  Gefaehrten
wieder.

"Denk darueber nach, Julia. Er ist wirklich eine gute  Partie."  Frau  Capulet
wandte sich ihrem Spiegel zu.

"Ganz richtig, eine wunderbare Partie.", stimmte Polly aus vollem Herzen zu.

Frau Capulet betrachtete im Spiegel das zweifelnde Gesicht ihrer Tochter.  "Du
wirst ihn heute abend kennenlernen. Schau  ihn	dir  an,  dann	wirst  du  mir
zustimmen, dass er wirklich ein netter Mann ist."

"Er hatte ja Zeit genug, einer zu werden.", versetzte Julia.

"Es fehlt ihm nur noch eines zu seinem Glueck. Die richtige Frau."

"Und das soll ich sein?"

"Er ist ein Buch, das noch keinen Einband hat."

"Zumindest ist er so verknittert." Julia zog ein Gesicht.

"Und wenn du ihn heiratest, dann kann man ihn nach dem  Einband  beurteilen.",
sprang Polly hilfreich ein.

"Ich meine mich zu erinnern, dass du mich gelehrt haettest, genau das nicht zu
tun. Natuerlich ist mein Gedaechtnis nicht so gut wie das deine, Polly."

"Sieh es doch mal so: Es  gibt  bestimmt  haesslichere,  aeltere  und  aermere
Maenner als ihn.", sprang Polly hilfreich ein.

Ulo schuettelte sich angewidert. "Das klingt ja fast wie eine Drohung."

"Ein Mann wie er wird  deine  Position  nicht  verschlechtern.",  fuegte  Frau
Capulet hinzu.

"Nicht verschlechtern!" Polly war entsetzt. "Frauen wachsen an ihren Maennern,
also verbessert sich Julias Position sogar."

"Bestimmt werde ich beizeiten einiges ueber Krankenpflege lernen."

"Du tust gerade so, als stuende er schon mit einem Bein im Grab." Frau Capulet
schuettelte unwillig den Kopf. "So alt ist er wirklich noch nicht."

"Wenn du darauf  bestehst,  werde  ich  mir  wohl  seine  Annaeherungsversuche
gefallen lassen muessen, Mama."

"Das ist doch eine Farce!", empoerte sich Ulo.

"Wieso?", verlangte Azzuro zu wissen. "Immerhin hat sie ihre Tochter gefragt."

"Hat sie? Ich finde, das klang eher wie ein Befehl. Und Polly  sollte  zu  ihr
halten, statt dessen laesst sie Julia im Stich."

"Nein, das tue ich nicht." Polly war  zum  Fenster  getreten  und  hatte  Ulos
letzte Worte gehoert.

"Doch."

"Nein. Julia muss so oder so heiraten, da ist ein Mann  wie  Paris  nicht  die
schlechteste aller Moeglichkeiten."

"Und wenn sie ihn gar nicht will?"

"Sie wird ihn schon wollen. Wie mein Mann damals sagte, sie wird  schlau  sein
und auf den Ruecken fallen."

Ulo schnaubte wuetend.

_Ulo_! _Das_ _ist_ _die_ _letzte_ _Warnung_!

"Polly, wenn du sie jetzt mit diesem Paris verkuppelst, bekommt  sie  nie  den
Mann, der ihr bestimmt ist.", sagte Ulo.

Azzuro wirft einen misstrauischen Blick auf den Radiergummi, der Ulo  aus  der
Geschichte entfernen soll und knurrt nur drohend: "Streik gefaellig?"

"Das ist nicht wahr.", verteidigte sich Polly.

"Du wirst es sehen."

