DER ERSTE AKT
	  DIE ERSTE SZENE
An dieser Stelle sollte eigentlich ein Chor auftreten, denn so gehoert es sich
fuer eine Tragoedie, doch im Zuge der  allgemeinen  Sparmassnahmen  wurde  der
Chor gestrichen und Ulo und  Azzuro  bekamen  zusaetzlich  zu  ihrer  normalen
Aufgabe die Pflicht aufgebuerdet, Sie, verehrte LeserInnen, ueber die  jeweils
aktuelle Lage auf dem Laufenden zu  halten,  fuer  den	Fall,  dass  Sie  eine
Zusammenfassung oder einen Kommentar  wuenschen.  Auch	wenn  Sie  dies  nicht
wollen, werden die beiden Sie informieren, denn dafuer werden sie schliesslich
bezahlt.

Ulo holte tief Luft und setzte sich in Positur. "Two households, both alike in
dignity, in fair Verona, where we lay our scene..."

"Ach, sei ruhig." knurrte Azzuro.

"Was denn, was denn? Sonst stehst du doch auf die Klassiker?"  Ulo  mochte  es
gar nicht, mitten in einem Zitat unterbrochen zu werden.

"Denk doch mal an die Leser!"

"Und Leserinnen."

"Ja, die auch. Sie wollen doch nicht ein englisches Zitat lesen."

"Woher weisst du das?"

Bitte stellen Sie sich vor, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie  im  Theater
sitzen und sich Ulo nun an Sie wendet. "Sagen Sie mir, was Sie hoeren  wollen.
Jaja, auch Sie, dahinten in der vierzigsten Reihe Parkett, ganz links."

Nun, ich gehe davon aus, dass Sie, auch der Herr ganz links in der vierzigsten
Reihe Parkett, mit Shakespeare vertraut sind.  Daher  erspare  ich  ihnen  das
Zitat und fasse den Inhalt kurz zusammen. Gerade stoesst mich  Azzuro  an  und
verweist auf die Gewerkschaft. Sie entschuldigen mich  bitte,  ich  ueberlasse
die Zusammenfassung unseren beiden Turtelkraehen.

"Du oder ich?" Ulo ist weiblichen Geschlechts und immer  bereit,  Azzuro  eine
unangenehme Aufgabe zu ueberlassen.

"Egal."

"Dann du." Meistens hat Ulo Erfolg mit ihrer Taktik.

"OK. Wir finden uns in Verona wieder, Zeit  irgendwann.  Zwei  Familien  leben
hier."

"Es sind bestimmt noch mehr."

"Das ist doch nicht wichtig, oder?  Es  geht  nur  um  die  Capulets  und  die
Montagues."

"Wirklich?"

"Nein, nicht wirklich, aber die beiden sind die  wichtigsten,  denn  sie  sind
schuld daran, dass sich die ganze Stadt in  zwei  feindliche  Lager  gespalten
hat."

"Das ist doch Unsinn. Schuld daran ist niemand anderer als der Autor."

"Ulo!"

"Schon gut."

Azzuro strich mit dem Schnabel	ueber  das  Gefieder.  "Aus  irgendeinem  lang
vergessenem Grunde liegen die beiden Familien in  Fehde  miteinander  und  die
jungen Leute einer jeden Generation finden immer wieder die Moeglichkeit,  die
Fehde nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.  Im  Laufe  der  verschiedenen
Hochzeiten, Geburten und Taufen haben sich alle Bewohner Veronas in irgendeine
Beziehung zueinander gesetzt und da die Capulets und die Montagues die	beiden
aeltesten Familien sind, haben alle Buerger auch eine Beziehung zu  der  einen
oder anderen Familie. Sei es, dass Onkel Adalbert der Vater der Frau war,  die
der junge Montague vor zwanzig Jahren ins Unglueck gestuerzt hat, weil er  ihr
die Rosen nicht gegeben hat, die doch der Bruder  des  Cousins	seines	besten
Freundes ihm ausdruecklich fuer diese Frau uebergeben hatte."

"Du schweifst ab.", tadelte Ulo.

"Aber wie soll ich es denn sonst erklaeren?"

"Ist doch einfach: Verona ist ein Dorf."

"Oh."

Triumphierend blickte Ulo auf ihren Gefaehrten. "Und ein Dorf ist ein Dorf ist
ein Dorf ist ein Dorf."

"Also gut. Verona ist ein Dorf, das in zwei Teile  gespalten  ist.  Jeder  hat
einen Groll gegen jeden anderen."

"Und jedE hat einen Groll gegen jedE andere."  Ulo  hatte  die  bemerkenswerte
Faehigkeit, Grossbuchstaben auszusprechen.

"Ja." Azzuro seufzte. "Wie auch immer. Die beiden Familien  haben  jede  einen
Sproessling. Romeo Montague ist ein huebscher Bengel von achtzehn Jahren,  der
eines Tages das Geld und die Fehde von seinem Vater  erben  wird.  Julia,  die
einzige Tochter des Hauses Capulet, wird einmal bildhuebsch, wenn man sie noch
ein paar Jahre auf die Weide schickt."

"Wie kannst du das sagen?"

"He, sie ist erst dreizehn!"

"Alt genug, um demnaechst verheiratet zu werden. Und  bereits  jetzt  schoener
als Helena."

"Was hat Helena damit zu tun?" Azzuro duckte sich sicherheitshalber.

"Helena von Troja."

"Ach so, die. Jaja, meinetwegen ist sie schoener als Helena."

"An wen dachtest du denn?", verlangte Ulo zu wissen.

_Sie_ _hat_ _schon_ _wieder_ _diesen_ _Tonfall_,  dachte  Azzuro.  "Niemanden,
selbstverstaendlich. Ausser dir sehe ich doch  keine  Frau  an,  Liebste,  das
weisst du doch."

"Ist auch besser so."

Zwei Maenner betraten den Platz und Azzuro deutete mit dem  Schnabel  auf  die
beiden.

"Da. Samson und Gregory."

"Was ist mit ihnen?"

"Gleich werden sie mit ihren Saebeln rasseln und..."

"Scht!"

Verlegen blickte Azzuro auf die Frau, die sich gerade ueber den Brunnen beugte
und Wasser schoepfte. "Ups."

"Du weisst, dass _sie_ uns nicht hoeren duerfen."

"Ja.", antwortete Azzuro kleinlaut. "Ich weiss."

Hier unterbreche ich noch einmal  den  Lauf  der  Handlung,  um  Ihnen,  liebe
Leserin, lieber Leser, zu erklaeren, was Turtelkraehen nun eigentlich sind.

Turtelkraehen, wie der Name vermuten laesst, treten immer paarweise  auf.  Ein
Maennchen, in unserem Fall  Azzuro,  und  ein  Weibchen,  Ulo,	wie  Sie  sich
bestimmt schon gedacht haben. Was Sie nicht  wissen  koennen,  ist,  dass  die
Turtelkraehen ein Geschenk der Goetter sind, und  somit  keineswegs  das,  was
sich ein normaler Mensch wuenschen wuerde. Sie gehoeren zu  jeder  Geschichte,
in der Liebende auftauchen. Fragen Sie mich nicht, warum, denn das  haben  die
Goetter vergessen zu erwaehnen. Die Aufgabe  der  Turtelkraehen  ist  es,  die
Geschichte zu verfolgen und den Goettern der Sagenwelt Bericht	zu  erstatten.
Auch dies ist eine Funktion, die von den Goettern unerklaert blieb,  doch  ich
wage die Vermutung, dass Goetter zwar allwissend sind, aber dennoch  nur  zwei
Augen haben, die noch dazu nicht unabhaengig voneinander funktionieren.  Oder,
um es anders auszudruecken, die Goetter sind wie Kaufhausdetektive, haben ihre
Augen immer nur auf einem Bengel in zerschlissenen Jeans und haben  daher  die
Turtelkraehen als eine Art Videoueberwachung installiert. Geschichten sind wie
das Endlosband einer telefonischen Warteschleife. Kennen Sie das?  Sie	warten
darauf,  endlich  eine	Verbindung  zu	bekommen  und  hoeren  sich   schlecht
interpretierte Musik in noch schlechterer Qualitaet an, die immer  wieder  von
einer mehr oder minder freundlichen  Stimme  mit  _Bitte_  _warten_,  _please_
_hold_	_the_  _line_  unterbrochen  wird.  Die  Unterbrechung	ist  noch  das
angenehmste am ganzen Band. Wann immer diese Pause kommt, die  andeutet,  dass
das Band nun ein Ende erreicht hat, steigt Ihre  Spannung  und	Sie  erwarten,
gleich eine vielleicht nicht ganz  so  freundliche,  dafuer  aber  menschliche
Stimme zu hoeren, doch in Wahrheit spult sich das Band	nur  zurueck,  um  dem
Anrufer die Langeweile zu verkuerzen. Falls Sie sich fragen,  warum  das  Band
dann endlos ist, werden Sie weiter ratlos bleiben muessen, denn darauf	wissen
selbst die Goetter keine Antwort. Bekanntermassen hatten die  Goetter  ohnehin
nicht viel damit zu tun, die Warteschleife zu  erfinden,  dieses  zweifelhafte
Verdienst ist das der Hoelle. Damit soll Ihnen auch nur nahe gebracht  werden,
dass eine Geschichte endlos weitergeht, auch, wenn sie	ihr  scheinbares  Ende
erreicht hat. Sobald der eine  Mensch  die  Warteschleife  verlaesst  und  der
naechste vom Besetztzeichen der  Langeweile  zur  Kurzweil  der  Warteschleife
vorrueckt, beginnt die Geschichte von vorne.

So erklaert sich, dass Ulo und Azzuro reichlich Zeit  hatten,  die  Geschichte
kennenzulernen. Waehrend sie fuer die Akteure unseres  Dramas  jedes  Mal  neu
ist, kennen die Turtelkraehen sie auswendig. Warum sie dann trotzdem weiterhin
den Fortgang beobachten muessen, bleibt unklar, obwohl es vermutlich  mit  der
Gewerkschaft zusammenhaengt.

Ulo und Azzuro sitzen auf dem Brunnen und betrachten die Tragoedie,  die  sich
vor  ihren  Augen  abspult,  wie  ein  altes  Ehepaar  die  fuenfundzwanzigste
Wiederholung von Vom Winde Verweht anschaut: Jeder (und jede) weiss, wann  der
(oder die) andere Taschentuecher benoetigt und wann er (oder  sie)  dem  (oder
der) anderen die Augen zuhalten muss. Leider haben die Turtelkraehen auch eine
andere Eigenschaft des alten Ehepaares: Wann immer  eine  besonders  gelungene
Szene kommt, weisen sie einander im Voraus darauf hin und verderben sich damit
jede Spannung.

Bitte verzeihen Sie die umstaendliche Klammersetzung, aber Ulo besteht darauf.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser, koennen sich mit Sicherheit vorstellen,  was
geschaehe, wenn ein Kinobesucher Scarlett verriete, wie widerlich  Rhett  sich
ihr gegenueber verhalten wird. Sie koennen es, nicht wahr? Und	daher  ist  es
Turtelkraehen strikt verboten, sich  ueber  Geschehnisse,  die	der  werdenden
Mutter Zukunft noch nicht  einmal  Wehen  verursachen,	zu  unterhalten.  Ganz
undenkbar, wenn sie gar das Geschlecht	des  Kindes  verrieten,  dass  Zukunft
gebaeren wird!

Kehren wir also zurueck zu unserer Geschichte und hoffen, dass Ulos  Ermahnung
Azzuro von weiteren Verfehlungen abhalten wird.

Wir erinnern uns, dass gerade Samson und Gregory auf den Platz	kamen.	Samson
pfiff einer jungen Frau hinterher und  handelte  sich  einen  Rippenstoss  von
seinem Freund ein.

"Lass die Maedels in Ruhe, Sam.", verlangte Gregory.

"Ach, komm schon, sie ist wirklich niedlich."

Gregory schaute ueber die Schulter und konnte dem nur zustimmen. "Hey,  wonach
mir jetzt wirklich der Sinn stuende, das waere der eine oder andere Capulet."

Samson grinste. "Am Spiess?"

"Waere doch was, nicht?"

"Und dann haeuten wir ihre Frauen?"

"Faellt dir nichts besseres ein?", fragte Gregory.

"Ich wuesste nichts besseres, als eine Frau mit meinem Spiess zu haeuten."

"Oh, _die_ Haut meinst du. Du solltest Maedchen sagen."

Ulo schuettelte sich und liess etwas fallen, was hier auf mit  Ruecksicht  auf
jugendliche Leser (entschuldige  Ulo)  und  Leserinnen	nicht  naeher  benannt
werden soll.

"Die Kraehe hat mir auf den Kopf ge..." Samson holte ein nicht allzu  sauberes
Taschentuch heraus und wischte sich ueber die beginnende Glatze.

"Das wird dich lehren, du Mistkerl!", kraechzte Ulo.

"Und sie  lacht  auch  noch."  Samson  fluchte.  Er  hatte  Ulos  Worte  nicht
verstanden, da diese klug genug gewesen war, Kraehisch zu sprechen,  doch  der
Tonfall war unverkennbar.

"Du spinnst, mein Freund. Seit wann lachen Kraehen? Steck den Saebel weg."

"Ich bring das Vieh um!" Samson war keineswegs der Mann, der  seine  Emotionen
kontrollieren konnte oder wollte.

"Dann lass das Ding halt draussen, aber da drueben findest du  ein  groesseres
Ziel." Samson grinste breit und entbloesste ein Gebiss, das einen Zahnarzt ein
Jahr lang ernaehrt haette. "Capulets! Lasst sie mir!"

"Wo  mag  er  das  nur  aufgeschnappt  haben?   Im   Original   steht   nichts
dergleichen.", bemerkte Azzuro verdriesslich.

"Halt! Wenn du so einfach losrennst, ist das nicht gut. Vergiss nie, dass  wir
das Gesetz auf unserer Seite haben wollen." Gregory hielt seinen Kameraden  am
Aermel zurueck.

"Wen?"

"Das Gesetz. Wenn du losstuermst und  sie  einfach  angreifst,  sind  wir  die
Boesen und bekommen Schwierigkeiten. Also lass mich machen, ich sorge  dafuer,
dass wir in Notwehr handeln."

Samson	begriff  nicht,  was  Gregory  mit  Gesetzen  wollte,  aber  das  Wort
Schwierigkeiten  weckte  in  ihm  jene	Vorsicht,  die	allen  untergeordneten
Soldaten dieser und aller anderen  Welten  gemein  ist.  Schwierigkeiten,  das
hatte etwas mit wuetenden Vorgesetzten, Latrinenputzen und Wochenenddienst  zu
tun, davon hielt man sich besser fern.

"Zeig ihm den Stinkefinger.", schlug Samson vor.

"Aber nicht doch, dann haetten  wir  das  Gesetz  nicht  auf  unserer  Seite."
Gregory schuettelte  vehement  den  Kopf  und  streckte  nichtsdestotrotz  den
Mittelfinger in unmissverstaendlicher Geste vor.

"Hey, aber du zeigst ihm den Finger? Ich denke, das duerfen wir nicht?" Samson
verstand seinen Kameraden nicht.

"Wie? Zeigst du den Stinkefinger?", verlangte auch Abraham zu wissen.

"Jawoll, ich zeige den Stinkefinger.", grinste  Gregory  und  betrachtete  die
Hand Samsons, der ihm alles nachahmte.

"Zeigst du ihn am Ende _mir_?" Abraham freute sich sichtlich auf die Antwort.

Samson fluesterte: "Ist das Gesetz auf unserer Seite, wenn ich ja sage?"

"Nein, bloss nicht." Gregory stupste seinen Freund in die  Seite.  "Lass  mich
machen."

"Also, ich zeige den Stinkefinger, aber wie kommst du nur darauf, dass ich ihn
dir zeigen koennte? Mein armer Finger! Das taete ich ihm niemals an!"

"Wie war das? Sucht ihr Streit?"

"Welch eine Unterstellung!"

"Schade." Abraham grinste. "Ich sehe eine gute  Gelegenheit,  euch  beiden  zu
zeigen, dass Capulet alle Male besser ist als Montague."

"Pah." Gregory schnaubte.

"Bloedsinn,  die  spinnen,  die  Capulets.",  fuegte   Samson   aus   tiefster
Ueberzeugung hinzu.

"Schon wieder!", empoerte sich Azzuro.

"Oh doch, das ist es."

"Ist es nicht."

"Doch."

"Nein."

...

Liebe Leserin, lieber Leser, setzen Sie in Gedanken  dieses  Auftrumpfen  noch
ein wenig fort. In Anbetracht  der  Tatsache,  dass  wir  es  mit  erwachsenen
Maennern zu tun haben, wollen wir uns nicht etwa Kinder vorstellen,  die  sich
ueber die Groesse der  Autos  ihrer  Vaeter  streiten,	sondern  zum  Beispiel
Fussballfans, die sich nicht darueber einig werden koennen, welcher Verein  es
eher verdient hat, den Pokal zu gewinnen.  Wie	jeder  gestandene  Fussballfan
Ihnen bestaetigen kann, haengt der Gewinn des Pokals ja in  keiner  Weise  von
den Faehigkeiten der Spieler oder des Trainers ab, sondern ausschliesslich von
der Intensitaet des Glaubens der begeisterten Zuschauer. Fussball,  so	wissen
wir, war zu jener Zeit noch nicht erfunden, doch wo  immer  zwei  Mannschaften
sind, finden sich auch Fans. Den Rest zu  erklaeren  ueberlasse  ich  weiseren
Menschen.

Eines wollen wir aber nicht vergessen: Wo immer sich zwei Trupps von Hooligans
gegenueberstehen, ist der Fanbetreuer nicht  weit  und	versucht,  Frieden  zu
stiften. Gerade  erinnerte  Samson  Gregory  an  seinen  Lieblingsziegelstein.
Verzeihung, seinen besten Saebelstreich, als Benevolio	das  nahende  Unglueck
sah.

"Hoert ihr auf!" Benevolio zog seinen eigenen Saebel und  schlaegt  damit  die
der Kombattanten herunter. "Ihr habt sie wohl nicht mehr alle. Frieden  jetzt,
sonst hol ich die Polizei."

"Hol die Bullen,  mein  Junge,  aber  steck  den  Zahnstocher  weg.",  knurrte
Gregory.

Benevolio ruempfte die Nase ueber die ungepflegte Ausdrucksweise.  "Lern  erst
mal vernuenftig zu reden, dann hoere ich dir vielleicht  auch  zu.  Und  jetzt
friedlich hier!"

Ulo streckte den Kopf vor. "Ist er nicht ein Schaetzchen, unser Benevolio?"

"Ein wahrer Held.", meinte  Azzuro  hoehnisch.  "Nicht,  dass  er  viel  damit
erreichte."

"Wieso?"

"Guck mal da rueber. Tybalt kommt."

"Der Raufbold der Capulets? Na, dann haben wir ja gleich den  schoensten  Tanz
hier."

Ulo reckte den Kopf.

Tybalt fragte nicht lange, sondern zog seinen Saebel blank. "Ja, was haben wir
denn hier? Benevolio Montague, schau an. Und er hat  auch  noch  zwei  Freunde
dabei. Das macht drei gegen zwei, wenn ich mich nicht  taeusche.  Schaemt  ihr
euch nicht, oder habt ihr etwa Angst?"

"Schau an, er kann rechnen." Ulo lachte kraechzend.

"Von Muffensausen kann keine Rede sein.", meinte Samson.

Benevolio schenkte Tybalt einen veraechtlichen Blick. "Nein, keine Angst, mein
Lieber, nur der Wunsch, Frieden zu stiften."

"Indem  ihr  unsere  Leute  _umbringt_?  Nicht  gerade  die  feine  Art,  Herr
Benevolio. Ich werde Ihnen schon zeigen, wie  friedlich  wir  sind,  wenn  wir
angegriffen werden."

Sie kennen alle die schoenen Schlaegereien, die zum Western gehoeren, wie  der
rechte Schuh zum linken? Man pruegelt sich und achtet nicht weiter darauf, wen
man gerade trifft, schliesslich ist jeder, der sich in die Naehe der  Keilerei
wagt entweder beteiligt oder selber schuld. Harmlose Passanten gibt es	nicht,
wer seine Zaehne behalten will, hat nur eine Moeglichkeit, dies zu  erreichen:
Er muss tot spielen und sich der Gefahr aussetzen, harte Tritte  gegen	weiche
Teile zu kassieren oder er muss schneller zuschlagen als alle anderen.	Binnen
kuerzester Frist ist eine Schlaegerei im Gange, die ihresgleichen sucht.

Wie immer in solchen Faellen platzt die Polizei mitten	hinein,  und  da  ihre
Angehoerigen ebenfalls Menschen sind, koennen sie nicht umhin, bei  der  einen
Partei ein wenig mehr Frieden zu stiften als bei der anderen. Halten  wir  der
Polizei, insofern man fuer Individuen einen solch  generalisierenden  Ausdruck
verwenden kann, zugute, dass sie bei all ihrer Menschlichkeit und  Fehlbarkeit
nichtsdestoweniger auf Ausgeglichenheit achtet, so dass fuer  jeden  Anhaenger
der Capulets auch einer der Montagues eingestellt wird. Oder, um es ein  wenig
polemischer auszudruecken, keine der beiden Seiten bekommt weniger Polizei als
die andere.

Herr Capulet, der gerade seine Gattin auf einem Spaziergang begleitete,  hatte
seine helle Freude, als er die wunderschoene Pruegelei sah. "Das  gibt  es  ja
nicht! Ca-Pu-Let, Ca- Pu-Let!"

"Idiot. Und guck nur, er hat einen Morgenrock  an.",  kommentierte  Ulo.  "Der
Kerl ist wirklich senil."

"Lass ihn doch. Der alte Knochen kann nur noch bruellen."  Azzuro  zuckte  die
Schultern.

"Sollte mich wundern, wenn er es dabei beliesse." Ulo kannte ihre Pappenheimer.

"Verdammt, wir verlieren! Mein Schwert!"

Frau Capulet, jeder Zoll eine Dame  und  sich  voellig	im  Klaren  ueber  den
Zustand ihres Gatten, laechelte ein wenig. "Du meinst  gewiss  deine  Kruecke,
mein Schatz." "Ich meine mein Schwert."

"Sag ich doch.", erwiderte seine Gattin malizioes.

Herr Capulet, der ahnte, was ihn daheim erwartete, wenn er seiner Gattin jetzt
widerspraeche,	zuckte	nur  die  Schultern  und  begnuegte  sich  damit,  die
Capuletanhaenger anzufeuern und uebersah in seinem Eifer ganz  und  gar,  dass
inzwischen auch Herr Montague mit seiner Frau das Schlachtfeld betreten hatte.
Herrn Montague war die Gestalt seines Lieblingsfeindes	allerdings  keineswegs
entgangen. "Du hinterhaeltiger Sack! Wozu hast du deine Leute angestiftet!" Er
stuerzte mit erhobener Faust auf Capulet zu. "Du, du..."

"Du Capulet.", soufflierte Azzuro und handelte sich einen zornigen  Blick  von
Ulo ein. Dankbar nahm Montague die Hilfestellung an. "Du _Capulet_,  dir  zeig
ich, was ein echter Montague ist!"

"Jetzt wird es erst lustig.", freute sich Ulo  und  setzte  sich  in  Positur.
"Bestimmt bekommen wir gleich eine bilderbuchreife Herzattacke zu sehen."

"Nichts da." Azzuro deutete mit dem Schnabel auf die Polizisten.  "Da,  siehst
du? Sie haben es geschafft, die beiden Seiten zu trennen."

Ulo seufzte. "Schade."

Die Polizisten hatten die beiden feindlichen  Seiten  saeuberlich  aussortiert
und an den gegenueberliegenden Seiten des Platzes Aufstellung  nehmen  lassen.
Zu  jener  Zeit  hielt	man  sich  nicht  lange  damit	auf,  die  Personalien
festzustellen, die Raufbolde  abzufuehren,  auszunuechtern  und  nach  einigen
Wochen oder Monaten vor Gericht zu stellen, man sammelte  die  Ueberreste  der
Pruegelei ein und fuehrte sie dem Richter einfach  vor,  der  lange  nicht  so
ueberlastet war, wie es die Gerichte in unserer leidgeplagten  Zeit  sind.  So
geschah es auch jetzt. Das Gericht, in	Gestalt  des  Buergermeisters  Escalus
betrat den Gerichtshof, will  sagen,  den  Marktplatz,	und  nahm  am  Brunnen
Aufstellung.

"Was ist hier los?", verlangte Escalus zu wissen.

"Sie haben sich gepruegelt.", bemerkte Ulo leise.

"Danke, soviel kann ich  selber  aus  den  blutigen  Nasen  ablesen."  Escalus
ignorierte die fragenden Blicke, denn er wusste ja nicht, dass er als Einziger
Ulos Worte gehoert hatte. "Mir reicht es jetzt, Herrschaften.  Geht  es  schon
wieder um die alte Fehde?" Montague und Capulet, beides Maenner, die fuer ihre
Angestellten und Anhaenger einstanden, nickten betreten.

"Ich habe die Nase voll. Statt euch  wie  anstaendige  Menschen  zu  benehmen,
pruegelt ihr euch auf offener Strasse, als gaebe es  keine  zivilisierte  Art,
die Angelegenheit zu regeln."

"Hoert, hoert." Azzuro grinste.

"Warum erfindest du nicht den Fussball?", fragte Ulo so leise, dass wieder nur
Escalus sie hoeren konnte.

Wenn die Goetter der Mythenwelt Ulo jetzt gehoert  haetten,  waere  sicherlich
ein Blitz vom Himmel gekommen und haette  sie  erschlagen.  Doch  die  Goetter
waren anderweitig beschaeftigt, so kam es, dass Ulo ungeschoren  davonkam  und
statt des strafenden Blitzes einer der Eingebung einschlug. Er traf auch nicht
Ulo, in deren Kopf schon genug mehr  oder  minder  dumme  Ideen  herumspukten,
sondern Escalus, der tief Luft holte und die grandiose	Idee  in  seinem  Hirn
speicherte, wo sie bis zu ihrer  Reife	liegen	sollte.  _Eines_  _Tages_,  so
dachte sich Escalus, _wird_ _die_ _Welt_ _friedlicher_ _sein_. _Dann_ _tragen_
_wir_ _unseren_ _Streit_ _nicht_ _mehr_ _mit_ _Waffengewalt_ _aus_,  _sondern_
_spielen_  _statt_  _dessen_  _Fussball_.  _Das_  _wird_   _eine_   _bessere_,
_weisere_  _Welt_  _sein_,  _ganz_  _bestimmt_.  _Dann_,  _eines_   _schoenen_
_Tages_,  _werden_  _zwei_  _verfeindete_  _Lager_  _ihre_  _besten_   _Leute_
_auswaehlen_ _und_ _sie_ _in_ _fairem_ _Wettkampf_ _ihren_ _Streit_ _beilegen_
_lassen_. _Ja_, _das_ _wird_ _wirklich_ _eine_ _bessere_ _Welt_ _sein_.  _Ich_
_muss_ _mir_ _nur_  _noch_  _ueberlegen_,  _wie_  _man_  _Fussball_  _spielen_
_soll_.

Halten wir Escalus zugute, dass er noch nichts von Fans wissen konnte.

"Das ist jetzt das dritte Mal, meine  Herren.  Dreimal  hat  euer  verfluchter
Haendel schon die ganze Stadt in Aufruhr gestuerzt."

Er haette hinzufuegen koennen,	dass  bei  jeder  dieser  Auseinandersetzungen
Steuerzahler starben oder fuer laengere Zeit arbeitsunfaehig wurden,  so  dass
man ihm persoenlichen Schaden zufuegte, aber  ein  solcher  Mann  war  Escalus
nicht. Statt dessen dachte er nur an die Menschen,  die  durch	diesen	dummen
Streit keine Ruhe fanden und nie wussten, ob  sie  am  naechsten  Morgen  ihre
Stadt noch so vorfinden wuerden, wie sie  am  Abend,  als  sie	sich  schlafen
legten, noch gewesen war. Wer konnte sagen, ob nicht am naechsten Tag alles in
Schutt und Asche lag,  was  noch  am  Vortag  als  fuer  die  Ewigkeit	gebaut
ausgesehen hatte? Wer wusste, ob und  wann  der  Streit  zwischen  den	beiden
Familien eskalierte? Wer konnte  guten	Gewissens  _Bis_  _morgen_  zu	seinen
Freunden sagen, wenn er nicht wusste, ob er nicht beim Ueberqueren des Marktes
alle Gedanken an ein Morgen gegen die unendliche Gleichgueltigkeit  des  Todes
eintauschte? Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser,  jemals  eine  Dorfkirmes
besucht? Wenn nicht, empfehle ich Ihnen, sich  ein  solches  Spektakel	einmal
anzusehen. Vielleicht gehen Sie am Samstagabend hin, wenn die  jungen  Maenner
des Oberdorfes sich zum Bier an einem der drei Bierstaende  treffen,  waehrend
die des Unterdorfes am zweiten stehen  und  die  Erwachsenen,  Distinguierten,
Weiseren, in der Mitte zwischen den beiden Bierstaenden bei einem Glas	sitzen
und ueber Politik  sprechen,  waehrend	sie  darauf  warten,  dass  der  Spass
anfaengt. Betrachten Sie die Szene und stellen Sie sich vor,  dass  statt  der
Faeuste Messer und Degen im Einsatz sind, dann koennen Sie sich in  Escalusens
Lage versetzen, der nichts anderes will, als endlich Frieden in seiner Stadt -
und allen Menschen ein Wohlgefallen.

Escalus war ein praktischer Mann, auch wenn ihm die Idee von einem Spiel, dass
die Geschicke der Menschheit entschiede,  ausnehmend  gut  gefiel.  Moralische
Skrupel plagten ihn weniger als die Probleme, die sich aus  einer  Fortsetzung
des Streits ergaben. "Geht mir aus den Augen und wieder an eure Arbeit, Leute.
Und  benehmt  euch  wie  Menschen,  statt  euch  wie  Tiere   gegenseitig   zu
zerfleischen." Er  schielte  ein  wenig,  um  beide  Seiten  des  Marktplatzes
gleichzeitig scharf ins Auge zu fassen. "Damit das eine klar  ist:  Ich  dulde
nicht, dass ihr euch weiterhin daneben benehmt. Wenn ich einen	erwische,  der
sich mit einem anderen schlaegt, schlage ich  mit  der	Faust  dazwischen  und
lasse ihn auf der Stelle enthaupten. Verstanden?"  Escalus  wartete  vergebens
auf  das  verlegene  Fuessescharren,  das  eine  solche   Drohung   eigentlich
hervorrufen sollte. Langsam, ein wenig widerstrebend machten sich die  Buerger
wieder auf den Weg zu ihren Haeusern und ihrer Arbeit. Capulet, immer noch  in
seinem gaenzlich unpassenden Morgenmantel, folgte Escalus zu dessen Buero,  um
dort zu einer Geldstrafe verdonnert zu werden, denn schliesslich war  bei  dem
Streit ein Sachschaden	entstanden,  den  Escalus  ersetzt  sehen  wollte.  Es
interessierte Escalus nicht im geringsten,  wer  den  Streit  heute  vom  Zaun
gebrochen hatte, solange er sowohl von Capulet	als  auch  von	Montague  eine
finanzielle Entschaedigung erhielt. Darin unterschied sich Escalus  wenig  von
den heutigen Kommunen, die  sich  auch	nicht  besonders  darum  kuemmern,  ob
Nachbars Hund auf die Strasse lief und damit ursaechlich verantwortlich dafuer
war, dass Herr Mueller oder Frau Schmitz gegen	die  Ampel  fuhr  -  zumindest
solange nicht, wie die Ampel bezahlt wird.

Lassen wir also Escalus seinen Schadenersatz  kassieren  und  folgen  Ulo  und
Azzuro, denen es auf dem Marktplatz zu	langweilig  wurde,  bis  zu  Montagues
Haus, wo sich Benevolio Herrn Montague gegenueber rechtfertigen muss.

"Ehrlich, Onkel, ich hatte ueberhaupt nichts mit der ganzen  Angelegenheit  zu
tun."

"Das sagst du jetzt.", regte sich Herr Montague auf.

Frau Montague hatte als kluge Hausfrau nichts dafuer uebrig, ueber  vergossene
Milch zu klagen. "Wo steckt eigentlich Romeo?"

"Lass Romeo jetzt, Liebste. Also, mein lieber Neffe, was war los?"

"Also, da waren dieser Capulet, der  sich  mit  Samson  und  Gregory  angelegt
hatte. Offenbar wollte er sich pruegeln, als ich dazu kam."

"Eine Gelegenheit, die du dir nicht entgehen lassen  konntest,  nicht  wahr?",
fragte Herr Montague scharf.

"Keineswegs, Onkel, ich habe nur versucht, die drei zu trennen. Tja, und  dann
kam Tybalt Capulet dazu."

"Nur gut, dass Romeo nicht  dabei  war,  dieser  Tybalt  haette  ihn  am  Ende
verletzt.", liess sich Frau Capulet vernehmen.

"Die stellt sich vielleicht wegen des Bengels an.", knurrte Ulo von einem Ast,
der, als haetten die Goetter ihn extra dort wachsen lassen, gerade so weit  an
das Fenster heranreichte, dass	die  beiden  Turtelkraehen  das  Gespraech  im
Innern des Hauses mitverfolgen konnten.

"Sie gibt nicht auf.", meinte Azzuro. "Was hat sie denn mit dem Jungen?"

"Ach, wahrscheinlich ist er wieder hinter irgendeiner Frau her und heult  sich
deswegen die Augen aus." Ulo hielt nicht viel von Romeo.

"Er ist halt jung." Azzuro hatte  fuer  das  Verhalten  Romeos  deutlich  mehr
Verstaendnis.

"Tybalt missverstand die Situation und hoerte mir auch nicht zu,  als  ich  es
ihm erklaeren wollte."

"Sieht ihm aehnlich." Herr Montague kannte Tybalts schlechten Ruf.

"Naja.",  machte  Benevolio  gedehnt.  "Ich  musste  mich   doch   gegen   ihn
verteidigen."

Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber  Leser,  wie  Gregory	sich  eingangs
ueber Notwehr aeusserte? Er hatte offenbar Erfolg mit seiner Taktik.  Nur  mit
Buergermeister	Escalus  hat  Gregory  nicht  gerechnet.  Wenn	Herr  Montague
wuesste, wie die Notwehr zustande kam, zoege er die Geldstrafe, die er nun  zu
zahlen hat, sicherlich von Gregorys Sold ab.

"Wo ist denn nur Romeo?" Frau Montague war offensichtlich  nicht  bereit,  die
Sache auf sich beruhen zu lassen.

"Er hat sich wieder eingeschlossen.", antwortete Benevolio.

"Was heisst das?", verlangte Frau  Montague  mit  der  Verve  einer  besorgten
Mutter zu wissen.

"Weiss sie es am Ende wirklich nicht?", ueberlegte Ulo laut.

"Wahrscheinlich nicht. Muetter nehmen ja immer nur das beste von ihren Kindern
an." Azzuro zuckte mit den Schultern.

"Es heisst, dass er sich in seinem Zimmer  eingeschlossen  und  die  Vorhaenge
zugezogen hat.", antwortete Benevolio.

"Er  hat  die  Vorhaenge  zugezogen?"  Frau  Montague  mochte  an  ein   solch
unsittliches Verhalten bei ihrem  Sohn	nicht  glauben.  Wie  Ihnen  jedermann
bestaetigen kann, sind am hellichten Tage zugezogene Vorhaenge ein  deutliches
Anzeichen  liederlichen  Lebenswandels,  den  Frau  Montague  ihrem  Sohn  nie
gestattet haette. Zumindest, so koennen Sie es in jedem Dorf lernen, zieht man
morgens die Vorhaenge auf und wahrt damit den Schein.

"Sage ich doch, liebe  Tante.  Ausserdem  hat  er  einen  riesigen  Vorrat  an
Taschentuechern."

"Was will er denn damit?", wollte nun auch Herr Montague wissen.

"Ist doch klar.", murmelte Azzuro.

"Komm, das muss ich mir ansehen." Ulo grinste haemisch.

Sie flogen um das Haus herum, denn  im	Gegensatz  zum	Wohnzimmer  lagen  die
Schlafzimmer auf der Rueckseite des Hauses, zum Garten hinaus.

"Hoer dir das an!" Ulo hatte ihre helle Freude an Romeos lautem  Gejammer  und
Gestoehne.

"Was hat er denn, der arme  Kleine."  Auch  Azzuro  hatte  kein  Mitleid  fuer
Menschen, die es so sehr uebertrieben.

"Er hat Liebeskummer."

"Och, da _tut_ er mir aber leid."

"Ach, Rosaline!", erscholl es von drinnen, gefolgt von einem tiefen Seufzer.

"Rosaline heisst sie also.", bemerkte Ulo ueberfluessigerweise.

"Nicht Julia?"

"Noch nicht, das kommt erst noch."

Romeo, der den Kopf aus dem Fenster gesteckt hatte,  warf  einen  verbluefften
Blick auf die  Kraehen.  "Oh  nein,  meine  einzige  und  wahre  Liebe  heisst
Rosaline."

Azzuro ueberlegte, wie er seinen Fehler wieder wett machen konnte. Er  schaute
schnell zu Ulo, doch auch diese schien zu betroffen zu sein, um sein  Vergehen
gegen die  elementarsten  Regeln  des  Turtelkraehendaseins  den  Goettern  zu
petzen.

"Ganz bestimmt ist sie das.", versicherte Azzuro schnell.  "Sie  ist  ja  auch
wunderschoen."

Er trippelte verlegen von einem Fuss auf den anderen.

"Ja, das ist sie. Aber wer ist Julia?"

"Das braucht dich doch nicht zu interessieren, schliesslich ist Rosaline deine
einzige Liebe."

"Hm." Romeo ueberlegte einen Moment, dann brach er wieder in Traenen aus. "Ja,
das ist sie. Und nie hat ein Mann eine so herzlose Frau geliebt."

"Sie ist gemein zu dir?", fragte Azzuro.

"Gemein ist gar kein Ausdruck. Ach, wenn ich nur wuesste, was ich tun muss, um
sie zu ueberreden."

Benevolio  bollerte  gegen  Romeos  Tuer  und  verlangte  von  seinem	Cousin
eingelassen zu werden, was Ulo und Azzuro zum Anlass nahmen, sich  schleunigst
zu verdruecken.

"Du bist wohl wahnsinnig geworden!", schnauzte Ulo ihren Gefaehrten an.

"Wer ahnt denn, dass der dumme Kerl ausgerechnet  in  diesem  Moment  aus  dem
Fenster guckt." verteidigte sich Azzuro.

"Hoffentlich geht das gut."

"Ach, da mach dir mal keine Sorgen. So  wie  der  Junge  gebaut  ist,  hat  er
Rosaline und Julia morgen vergessen und rennt einer dritten hinterher."

"Wie kommst du denn darauf?"

"Ist doch klar. Er ist achtzehn, aus guter Familie und reich. Wie sollte er da
nicht ausreichend Maedchen finden, denen er unter die  Roecke  schauen	kann?"
Azzuro blickte auf seinen eigenen reichen Erfahrungsschatz zurueck.

"Du denkst auch immer das schlechteste."

"Aber nein. So sind die jungen Burschen nun mal. Fuer ihn ist es einfach chic,
Liebeskummer zu haben."

"Gut, dass du das hinter dir hast."  Ulos  Stimme  liess  vermuten,  dass  sie
diesen Satz als Mahnung verstanden wissen wollte.

"Hoefische Minne hat mir noch nie gelegen.", verteidigte sich Azzuro.

"Ja, ich weiss." Ulo seufzte und gab sich fuer einige wenige Augenblicke ihren
Traeumen hin.

"Hoer auf damit, du weisst ja gar nicht, wovon du da traeumst." Azzuro  kannte
seine Gefaehrtin.

"Ach, weiss ich nicht?"

"Nein. Wenn du gewollt haettest, dass ich dich minne, dann  haettest  du  mich
niemals erhoeren duerfen."

"Hm, haette ich besser getan, ja."

"Versteh doch. Ich liebe dich  ja,  aber  ich  minne  dich  nicht.  Zur  Minne
gehoert, dass man die angebliche Geliebte nie bekommen kann."

"Wie kommst du denn darauf?"

"Na, Minne hat nicht viel mit  erfuellter  Liebe  zu  tun,  sondern  mehr  mit
Aus-Der-Ferne- Schmachten."

"Oh?" Ulos Stimme bekam eine deutliche Spitze. "Du vermisst mich  also  nicht,
wenn ich nicht bei dir bin?"

"Du bist doch nie von mir weg.", verteidigte  sich  Azzuro.  "Und  ueberhaupt,
lenk nicht vom Thema ab."

"Wer lenkt denn  hier  ab?  Wahrscheinlich  vergnuegst  du  dich  ohnehin  mit
irgendeinem Spatzenflittchen, wenn ich mal nicht in der Naehe bin."

Azzuro, der genau  wusste,  welche  Richtung  die  Diskussion  nehmen  wuerde,
betrachtete betont interessiert die Vorgaenge innerhalb Romeos Zimmer und  zog
es vor, nicht zu antworten.

Benevolio hatte es inzwischen geschafft, Romeo dazu zu ueberreden, die Tuer zu
oeffnen und ihn einzulassen. "Guten  Morgen,  Romeo.",  begruesste  er  seinen
Vetter froehlich.

"Ist es denn Morgen?", fragte Romeo duester.

"Und was fuer einer. Los, mach die Vorhaenge auf und schau dir den wunderbaren
Sonnenschein an. Hoer nur, wie die Voegel singen." Benevolio riss die schweren
Vorhaenge zur Seite und erblickte die beiden Kraehen. "Naja, vielleicht singen
sie nicht ganz so schoen, aber die Sonne scheint auf jeden Fall."

"Es ist schrecklich, aber ich bin so traurig, dass ich gar nicht  sehen  will,
wie die Sonne scheint, denn das sieht so aus, als wolle sie mich verspotten."

"Keineswegs  will  sie  das.  Sie  hat  nichts  anderes  im  Sinn,  als   dich
aufzuheitern."

"Ist er irre?", fragte Ulo leise.

"Aber nein. An  ihm  ist  bloss  eine  Krankenschwester  verloren  gegangen.",
bemerkte Azzuro.

"Was macht dich denn so traurig, Romeo? Willst du  es  mir  nicht  erzaehlen?"
fragte Benevolio.

"Er ist wirklich ein Schaetzchen." Benevolio  hatte  unzweifelhaft  Ulos  Herz
fuer sich gewonnen.

"Ein  Psychiater  koennte  er  auch  sein."  Azzuro  konnte  dem  freundlichen
Benevolio nicht ganz so viel abgewinnen.

"Mir ist  langweilig,  weil  ich  das  nicht  habe,  was  mir  die  Langeweile
vertreibt.", antwortete Romeo.

"Er will eine Modelleisenbahn?", vermutete Azzuro.

Benevolio hatte offenbar ebenfalls  keine  Vorstellung	von  dem,  was	seinem
Freund die Langeweile vertreiben koennte. "Was liebst du denn so sehr?"

"Nicht was, sondern wen."

"Liebe ist doch etwas schoenes, warum macht sie dich bloss so traurig?"

"Weil ich Liebe gebe und  keine  bekomme.  Ich  fuehle  mich  wie  eine  leere
Flasche. Das, was einmal in mir war, wollten alle haben, aber  jetzt,  da  ich
nur noch eine leere Flasche bin, gibt  es  niemanden  mehr,  der  mich	wieder
fuellen wuerde."

"Eine Flasche ist er allerdings.", bemerkte Ulo.

"Nein, ist er nicht.", wies Benevolio sie streng zurecht. "Moment,  seit  wann
koennen Kraehen reden?"

"Seit Maenner Flaschen sind.", versetzte Ulo schnippisch.

"Lass doch die bloeden Kraehen, Benevolio." Romeo mochte es  gar  nicht,  wenn
man sich nicht so leicht von ihm ablenken liess.

Azzuro stiess Ulo mit einem gekonnten Schubs vom Ast und trieb	sie  zu  einem
Baum in sicherer Entfernung von Romeos Zimmer. "Halt  bloss  deinen  vorlauten
Schnabel!"

"Er hat uns bloed genannt."

"Ja."

"Und das aergert mich."

"Aha?"

"Weil ich nicht bloed bin."

"Du darfst in _ihrem_ Beisein trotzdem keine  Kommentare  machen,  das  weisst
du."

"Pah."

"Weisst du es, oder nicht?"

"Ja, ich weiss es. Aber er ist wirklich eine Flasche."

"Das habe ich nicht bestritten. Wenn du jetzt deinen vorlauten Schnabel halten
kannst, koennen wir wieder zurueck und uns den Rest ansehen."

Ulo antwortete nicht, sondern flog wieder zu ihrem Ast und spaehte  durch  das
Fenster auf die zuckenden Schultern Benevolios.

"Lachst du mich aus?", fragte Romeo.

"Mitnichten." Benevolios Stimme klang so ernst, dass  selbst  in  Ulo  Zweifel
erwachten.

"Eigentlich weine ich."

"Warum denn das?"

"Weil du so arm dran bist, lieber Romeo."

"Hoer auf, bitte. Wenn du jetzt auch noch weinst, fuehle  ich  mich  nur  noch
elender. Wenn das ueberhaupt geht."

"Jaja, so geht das mit der Liebe." Benevolio grinste duemmlich.

"Ja, genau so. Liebe, das ist ein Meer."

"Ein Meer? Wie kommst du denn darauf?"

Azzuro liess sich neben Ulo nieder.

"Achtung, Romeo wird poetisch.", warnte Ulo ihren Gefaehrten.

"Ein Meer, weil Traenen salzig sind und  reichlich  fliessen,  wenn  Liebe  im
Spiel ist."

"Aha. Ja, ich glaube, ich weiss, was du meinst." Benevolio war prosaischer als
sein Freund.

"Ich glaube, ich mache  einen  Spaziergang."  Romeo  machte  keine  Anstalten,
aufzustehen, sondern seufzte nur tief.

"Immer langsam, ich weiss doch noch nicht alles, das  waere  gemein,  wenn  du
mich jetzt so stehen liessest."

"Ich bin sowieso nicht hier. Der echte Romeo ist woanders."

"Und wo?"

"Du willst wohl wissen, wie sie heisst?"

"Gut gefolgert, lieber Watson."

"Ich werde noch wahnsinnig!", stoehnte Azzuro.

"Was ist denn los?" Ulo warf ihm einen verwirrten Blick zu.

"Dauernd zitieren sie aus fremden Quellen, das macht mich irre."

"Keine Sorge, du wirst dich nicht anders fuehlen als vorher." Ulo grinste.

"Also soll ich dir vorstoehnen, wie  sie  heisst?",  fragte  Romeo  mit  einem
Grinsen.

"Es reicht, wenn du es mir einfach sagst.", antwortete Benevolio.

"Klar, ich mache jetzt voellig einfach mein Testament."

"Nana, so weit ist es noch nicht. Du bist ja noch  gruen  hinter  den  Ohren."
Benevolio lachte.

"Pfft.", machte Romeo. "So gruen bin ich nicht mehr, dass ich nicht weiss, wie
man liebt."

"Das wiederum habe ich nicht bezweifelt. Nun sag endlich, wie heisst sie?"

"Sie ist eine Frau."

"Hm,  dachte  ich  mir.  Zumindest  hatte  ich  keinen  Grund,  etwas  anderes
anzunehmen."

Romeo streckte seinem Vetter die Zunge heraus. "Und schoen ist sie auch."

"Es war mir ebenfalls klar, dass du kein Kostveraechter bist."

"Nein, ich verhungere lieber. Sie will mich nicht."

"Klug und geschickt ist sie also auch noch?"

"So geschickt, dass Cupidos Pfeil sie nicht trifft. Immer duckt sie sich weg."

Wir  wollen  hier  anmerken,  dass   auch   Cupido   zu   jeder   anstaendigen
Liebesgeschichte gehoert. Auch zu den unanstaendigen, aber von denen reden wir
hier lieber nicht, denn es mag ja sein, dass unter  Ihnen,  liebe  Leserinnen,
liebe Leser, Minderjaehrige sind. Kennen Sie Cupido? Das ist der kleine, dicke
und nackte Bengel, den Sie auf fast jedem barocken  Bild  betrachten  koennen.
Damals hatte man eine Vorliebe fuer das Kerlchen, weil ein  nackter  Saeugling
mit einem  Bogen  einfach  lustig  aussieht.  Auf  diese  Weise  gaben	unsere
Vorfahren dem im Grunde ernsten Ding Liebe noch eine amuesante Wendung.  Bitte
verwechseln Sie unseren kleinen Freund nicht mit den  Engeln,  die  sind  zwar
auch nackt, klein  und	dick,  haben  aber  keinen  Bogen  in  den  pummeligen
Faeustchen.

Romeo stellt sich Cupido noch nicht ganz so dick vor, dafuer sind seine  Augen
verbunden. Zu  Romeos  Zeiten,	in  jener  mythischen  und  so	ganz  und  gar
unwirklichen Zeit, sah Cupido noch nicht, wen er mit seinen Pfeilen traf.  Man
koennte denken, dass dies zu allerlei Verwirrung gefuehrt  haben  muss,  etwa,
wenn sein  Pfeil  eigentlich  dem  Schaefer  galt,  der  unaufmerksame	Bengel
allerdings eines der Schafe traf, doch scheint dies so selten der Fall gewesen
zu sein, dass uns von solchen  Geschehnissen  nichts  ueberliefert  wurde.  So
muessen wir annehmen, dass damit lediglich das Sprichwort  illustriert	werden
soll, das sagt: Wo die Liebe hinfaellt, da waechst kein Gras mehr.

"Schlimmer noch." Jetzt stoehnte Romeo wirklich. "Sie ist  eine  wahre  Diana,
was das Ausweichen angeht."

Sie erinnern sich sicher an Diana, liebe Leserin, lieber Leser.  Sie  war  die
Goettin der Jagd und Jungfrau von Beruf. Nichts und niemand  konnte  sie  dazu
bringen, sich mit einem Mann, gleich ob  Gott  oder  Mensch,  einzulassen.  So
schlimm trieb sie es, dass ein	Mann  zur  Strafe,  weil  er  ihr  beim  Baden
zugesehen hatte, in einen Hirsch verwandelt  und  von  seinen  eigenen	Hunden
gefressen wurde. Diese Anekdote sagt ebensoviel ueber  die  Intelligenz  eines
Hundes wie ueber die  des  Mannes  aus,  denn  beide  vergassen  ihre  gesamte
Erziehung. Die Hunde, als sie den Hirsch rochen, der Mann,  als  er  die  Frau
sah.

"Eine Diana, wie? Dann hat sie wohl lebenslange Keuschheit gelobt?"

Romeo gab ein Geraeusch von sich, dass dem des	gestellten  Hirsches  aehnlich
sein mochte. "Was soll ich  nur  machen?  Sie  ist  wunderschoen  und  es  ist
geradezu ein Frevel, dass sie ins Kloster will, denn damit verzichtet sie auch
darauf, ihre Schoenheit an die Nachwelt zu ueberliefern."

"Noch ist nicht aller Tage Abend. Vielleicht bekommt sie ja trotzdem Kinder."

"Trotz der Keuschheit? Das geht nicht."

"Stimmt.", grinste Ulo. "Das gute Maedchen ist wohl lesbisch, wie?"

Azzuro zuckte die Schultern. "Wer weiss das schon?"

"Hm, wenn ich nur unter Frauen sein wollte, ginge ich auch ins Kloster."

Azzuro lachte. "Spielt es eine Rolle? Ich meine, wenn sie ihn nicht will, dann
kann er sich auf den Kopf stellen und mit den Fuessen Hurra schreien, er  wird
nicht erhoert."

"Grausame Welt.", seufzte Romeo von drinnen. "Ich kann einfach  nicht  an  sie
herankommen. Sie ist schoen, sie ist klug und ihre  Weste  ist	so  weiss  wie
Schnee. Nichts, aber auch gar  nichts  gibt  mir  eine	Moeglichkeit,  sie  zu
erpr..." Er unterbrach sich schnell.

"Wollte er eben erpressen sagen?" fragte Ulo.

"Ich nehme es an. Warum?"

"Maenner!"

"Du meinst Menschen." korrigierte Azzuro sie.

"Ich meine Maenner. Wenn ich noch ein einziges Mal hoere, dass ein  Mann  eine
Frau rein und keusch nennt, weiss ich, was ich davon zu halten habe."

"So typisch ist Romeo nun auch wieder nicht."

Ulo schob den Einwand mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Fluegels beiseite.
"Ich werde nie wieder einem Mann weiter trauen, als ich ihn spucken kann."

"Wir koennen nicht spucken, wir sind Voegel."

"Eben."

Azzuro schuettelte den Kopf ueber soviel  Unvernunft.  "Du  brauchst  ja  auch
keinem Mann zu trauen, du hast ja mich."

"Um so schlimmer."

"He!", machte Azzuro.

Benevolio betrachtete seinen Freund besorgt. "Lass dir einen Tip geben, Romeo.
Vergiss sie."

"Vergessen? Sie? Genauso gut koennte ich das Atmen vergessen."

"Kann er doch gar nicht.", meinte Azzuro.

"Das will er damit ja sagen.", informierte ihn Ulo.

"Ich sag dir, wie du sie vergessen kannst." Benevolio sah sich genoetigt,  ein
wenig lauter zu sprechen, um das Geschrei der beiden Kraehen vor  dem  Fenster
zu uebertoenen. "Schau dich einfach ein wenig um. Andere  Muetter  haben  auch
schoene Toechter."

"Ach, damit machst du es ja nur noch schlimmer. Wenn ich andere  Frauen  sehe,
vergleiche ich sie immer mit ihr und dann haben  die  anderen  verloren.  Lass
mich lieber allein, ich will in meinem Schmerz ertrinken."

"Er koennte ihn ersaeufen.", schlug Ulo vor.

"In Schnaps?", fragte Azzuro.

"Worin sonst? Meinst du, er versuchte, ihn mit einem Stein zusammen  in  einen
Sack zu stecken und in den Fluss zu werfen?"

Benevolio kannte das Leid der Jugend und grinste verschaemt.  "Warte  ab,  ich
lasse mir was einfallen."

Kaum hatte Benevolio den Raum verlassen, als Romeo sich auf das Bett warf  und
zum Steinerweichen schluchzte.

"So ein Jammerlappen.", bemerkte Ulo.

"Nun hoer schon auf, er ist noch jung und er ist verliebt."

"Schon gut, das ist der Freibrief fuer jede nur denkbare Bloedheit."

