DER ZWEITE AKT
	  DIE SECHSTE SZENE

In jener mythischen Zeit waren heimliche Hochzeiten nicht selten,  sie	hatten
den Vorteil, dass das Paar nicht  zusammen  lebte.  Natuerlich	ersparte  eine
heimliche  Hochzeit  auch  die	Kosten	fuer  ein  Fest.  Allerdings  war  die
Hochzeitsnacht unabdingbarer Bestandteil der Ehe: Ohne Hochzeitsnacht galt die
Ehe nicht als geschlossen.  Romeo  und	Julia  waren  eine  Ausnahme  von  der
ueberwiegenden Mehrzahl der heimlichen Hochzeiten: Die	meisten  jungen  Paare
verlegten die Hochzeitsnacht vor und sparten auf diese Weise sogar die bei der
Hochzeit uebliche Spende an die Kirche.

Lawrence  stand  neben	der  Tuer  seiner  kleinen  Kapelle  und   betrachtete
nachdenklich Romeo, der den Huegel hinaufstuermte.

"Er rennt, als seien alle Teufel der Hoelle hinter ihm her.  Dabei  ist  Julia
noch gar nicht hier." Azzuro reckte gemaechlich die Fluegel.

Lawrence, der wie sein grosses Vorbild, der heilige  Franziskus,  sich	nichts
dabei dachte, mit Voegeln zu reden, drohte Azzuro mit dem Finger.  "Unberufen!
Julia ist doch ein nettes Maedchen."

"Das sind sie vor der Hochzeit alle.", stellte Azzuro fest.

"Komm schon, das sagst du jetzt nur, weil deine Frau nicht hier ist." Lawrence
grinste.

"Natuerlich. Sie ist ja auch schon mit mir verheiratet."

Lawrence bueckte sich und zupfte einen Regenwurm aus dem saftigen  Boden,  den
er Azzuro reichte. "Wo ist eigentlich deine Frau?"

"Bei Julia. Sie meint, ein Maedchen sollte eine Brautjungfer haben."

Lawrence nickte. "Ein kluger Gedanke."

Azzuro bedachte den Regenwurm mit einem langen Blick. "Ich weiss  nicht.  Was,
wenn sie den Brautstrauss faengt?"

"Das kann sie ohne Haende nicht, mein schwarzer Freund.",  troestete  Lawrence
ihn.

"Sie wird dir erhalten bleiben."

"Wahrscheinlich.", stimmte Azzuro truebsinnig zu.

"Nun lach  doch  mal."  Lawrence  stiess  Azzuro  freundschaftlich  an.  "Eine
Hochzeit ist eine froehliche Angelegenheit."

"Solange sie dauert. Danach kommt das Verheiratet-Sein."

Romeo, der Azzuros letzte Worte gehoert hatte, laechelte  toericht.  "Das  ist
doch das beste an der ganzen Heiraterei: Danach  kann  sie  mir  niemand  mehr
wegnehmen."

"Eben, mein Junge, eben.", versetzte Azzuro.

Auch Lawrence meinte, seinem Amt als Seelsorger  gerecht  werden  zu  muessen.
"Einen gibt es, der dir alles wegnehmen kann.",  meinte  er  und  deutete  zum
Himmel.

Romeos Blick folgte Lawrencens Finger und gewahrte eine dunkle Wolke. "Ach, so
ein bisschen Regen wird Julia schon nicht abhalten."

Tatsaechlich kam Julia den Hang herauf, gefolgt von einer keuchenden Ulo. "So,
hier bin ich."

Romeos Augen strahlten verdaechtig irre, als er sie betrachtete. "Wie  huebsch
du aussiehst."

Julia laechelte geistlos. "Wer ist denn  der  huebsche  Bursche  hier,  Bruder
Lawrence?"

Azzuro verdrehte die Augen. "Na, sieh zu, dass du fertig wirst, Lawrence,  ich
halte es nicht mehr aus!"

Ulo liess sich auf einem Ast nieder und wischte sich mit der Fluegelspitze die
Traenen ab. "Ach, Hochzeiten sind so ruehrend!"

Azzuro, immer noch niedergeschlagen, nickte. "Ja, mir kommen  auch  jedes  Mal
die Traenen, wenn ich sehe, dass jemand lebenslaenglich bekommt."

"J-U-L-I-A, ich lieb dich so!", traellerte Romeo.

"Das macht er nur, um mich zu aergern.", grollte Azzuro.

"Ich seh ein Licht...", sang nun auch Julia.

Azzuro, der es hasste, wenn die Menschen den falschen Text aufsagten,  grinste
niedertraechtig. "... im Hause Frankenstein.", vollendete er  die  Zeile  fuer
Julia. Ueberlassen wir die Liebenden jetzt eine Weile sich selbst  und	ziehen
uns diskret zurueck.

