DER DRITTE AKT
	DIE DRITTE SZENE

Bruder Lawrence, der nicht weniger neugierig war als andere,  hatte  sich  auf
dem Marktplatz herumgetrieben, bis er von Romeos Verbannung hoerte. Nun rannte
er, so schnell ihn seine Beine tragen wollten zu seiner Kapelle  zurueck.  Als
er sie voellig ausser Atem erreichte, fand er Romeo, der das  Gesicht  in  den
Haenden vergraben hielt.

"Romeo!" Lawrence bueckte sich stoehnend zu seinem Freund  herunter.  "Hast...
bist... wirst...?" Er schnaufte.

Romeo sah ihn mit trueben Augen an. "Dreimal ja."

Verwirrt runzelte Lawrence die Stirn.

Ein duennes Laecheln huschte ueber Romeos Gesicht, sah seine gefurchte	Stirn,
betrachtete die rastlos knetenden Haende und machte sich von dannen. "Ich habe
Tybalt erstochen, ich bin geflohen  und  ich  werde  mich  aufhaengen  lassen.
Dreimal ja, also."

"Wer redet denn hier von Aufhaengen?"

"Ich werde  nicht  davonkommen,  weisst  du.  Escalus  hat  ziemlich  deutlich
gemacht, was er von Randale in den Strassen haelt."

"Doch, doch.", beruhigte Bruder Lawrence ihn "Du kommst schon  davon.  Escalus
war der Ansicht, dass er Tybalt ohnehin haette haengen muessen, weil er vorher
Mercutio umgebracht hat. Jetzt verurteilt er dich nur zur Verbannung, weil  du
ihm vorgegriffen hast."

Romeos Augen weiteten sich. "Verbannung? Das ist ja noch schlimmer!"

"Unsinn. Wenigstens bleibst du am Leben."

"Und was fuer ein wunderbares Leben das ist." Romeo knirschte vor Verbitterung
mit den Zaehnen. "Ich muss Verona verlassen und Julia bleibt hier."

"Wenn schon? Du lebst, sie lebt: Was willst du mehr?"

"Bei ihr sein."

"Sei nicht undankbar, Junge." So war Romeo schon lange nicht mehr  von  Bruder
Lawrence bezeichnet worden. "Selbst wenn du Verona verlassen  musst,  bist  du
immer noch jung genug. Du lebst und kannst in Ruhe abwarten, was  sich	weiter
ergibt. Vielleicht kannst du eines Tages ja zurueckkommen."

"Eher ist die Erde eine Scheibe."

Bruder Lawrence, der, fest im  Dogma  verankert,  solch  ketzerische  Gedanken
nicht von seinem Schuetzling hoeren wollte, warf verzweifelt die Haende in die
Luft. "Das ist sie."

Romeo lachte gackernd. "Natuerlich."

"Romeo, reiss dich zusammen. Es ist noch nicht aller Tage Abend."

"Doch, das ist es. Ohne Julia ist immer Nacht, ohne sie gibt es keine Sonne."

"Ulo, reich mir einen Lappen, Romeo trieft.", fluesterte Azzuro.

"Vor Traenen?"

"Vor Schmalz."

Ulo beachtete ihn nicht weiter, sondern rieb sich den Schnabel an einem Blatt.

Auch Romeo wischte sich die Traenen ab. "Verbannung ist deshalb schlimmer  als
Haengen, weil ich dann jeden Tag daran	denken	muss,  dass  Julia  hier  ist.
Selbst ihr Schosshund ist besser dran als ich, weil er	in  ihrer  Naehe  sein
kann. Das ist ein Baerendienst,  den  Escalus  und  du	mir  erweisen,	Bruder
Lawrence."

"Ich?" Lawrence war ehrlich entsetzt.

"Du bringst mir die Nachricht, oder?"

Ein Klopfen bewahrte Bruder Lawrence vor den Vorwuerfen, die  Romeo  noch  auf
den Lippen hatte.

"Geh nach hinten, Romeo, ich will nachsehen, wer da ist."

Romeo hatte sich auf dem Boden zusammengerollt und schluchzte still  vor  sich
hin.

"Romeo!", zischte Bruder Lawrence. Er wandte  sich  zur  Tuer.  "Einen  Moment
noch!" Verzweifelt blickte er zwischen der Tuer und Romeo hin  und  her.  "Wer
ist denn da?"

Polly trat wuetend gegen die Tuer. "Ich bringe eine Nachricht von Julia."

Romeo schaute auf.

Lawrence oeffnete die Tuer und verdeckte mit seiner Leibesfuelle Romeo. Als er
Polly erkannte, seufzte er. "Was gibt es?"

"Erst muss ich wissen, wo Romeo ist."

Lawrence trat zur Seite. "Sammeln Sie ihn auf.", schlug er vor und deutete auf
das Haeufchen Elend zu seinen Fuessen.

Polly schuettelte den Kopf. "Sowas Dummes aber auch! Jetzt stecken  Julia  und
Sie im gleichen Schlamassel. Aber das ist vergossene Milch, jetzt kneifen  Sie
den A... Reissen Sie sich zusammen, meine ich natuerlich."

Romeo versuchte es und scheiterte knapp.

"So sieht ein braver Romeo aus.", lobte Polly. "Es ist noch nicht  aller  Tage
Abend, mein Junge."

"Meine Rede.", fuegte Lawrence laechelnd hinzu.

"Was macht Julia?", wollte Romeo wissen.

"Was soll sie schon tun? Sie weint und verflucht Sie und dann weint sie wieder
und..."

"Ich kann es ihr nicht verdenken. Aber wenn selbst sie mich  verflucht..."  Er
brach ab und riss sein Messer heraus. "Dann sag ihr, dass ich mit ihrem  Namen
auf den Lippen sterben will!"

Polly ohrfeigte ihn, das Messer flog in eine Ecke und Romeo in die andere.

Bruder Lawrence, dessen Ueberzeugung ihm das gleiche Argument  verbot,	setzte
zu einer Predigt an. "Du bist wirklich ein Volltrottel, Romeo. Erst ueberlebst
du, obwohl Tybalt wahrscheinlich der bessere Fechter ist. Da hast du  Glueck."
Er schlug Romeo das Wort um die Ohren. "Escalus bestraft dich nicht fuer Mord,
sondern fuer Selbstjustiz. Da hast du Glueck. Julia trauert um	ihren  Vetter,
aber Polly ist bestimmt nicht hier, um dir zu sagen, dass sie dich nicht  mehr
sehen will. Da hast du Glueck."

Polly nickte. "Allerdings. Hier ist dein Ring, Romeo."

"Julia gibt ihn mir zurueck?" Romeo begann laut zu jammern.

"Du sollst ihn ihr noch einmal geben, Trottel."  Lawrence  schlug  die  Haende
zusammen ueber soviel Unverstand. "Morgen reist du ab und  wartest  in..."  Er
ueberlegte. "Sagen wir, Mantua, bis Polly und  ich  Gelegenheit  haben,  allen
Leuten von Julias und deiner Ehe zu erzaehlen. Dann kommst du zurueck und wenn
ihr nicht sterbt, lebt ihr gluecklich bis zu eurem Ende." Er  wandte  sich  an
Polly. "Geh zu Julia und sag ihr, dass Romeo kommt.  Er  weiss  es  zwar  noch
nicht, aber er kommt." Wieder fiel sein Blick auf Romeo. "So, jetzt  hoer  mir
mal zu, Junge..."

Azzuro stiess Ulo an. "Komm, das Gewitter will ich nicht miterleben."

"Welches Gewitter?", fragte Lawrence scheinheilig.

Die Turtelkraehen machten sich ebenso schnell aus dem Staub wie Polly.

