DER ZWEITE AKT

An dieser Stelle sollte eigentlich wieder ein Chor auftreten, doch  inzwischen
haben Sie gewiss nichts mehr gegen die Kuerzungen im Etat und nehmen  mit  Ulo
und Azzuro vorlieb. Wenn ich ehrlich sein soll, mir sind  die  beiden  richtig
ans Herz gewachsen, obwohl ein Chor wahrscheinlich fuegsamer waere.

"N'Abend, Kollege." Azzuro nickte einer Fledermaus zu,  die  im  Schimmer  der
Lampen im Haus nach Insekten jagte.

"Ssseid ssspaet dran.", kommentierte die Fledermaus. "Wollt ihr nissst  lieber
ssslafen gehen?"

"Koennen wir noch nicht." Ulo gaehnte hinter dem vorgehaltenen Fluegel.

"Wasss issst denn noch?" Bedauernd blickte die Fledermaus hinter  einer  Motte
her, die Azzuro ihr weggeschnappt hatte.  "Wenn  ihr  ssso  ssspaet  noch  auf
ssseid, dann lassst wenigssstensss die Sssnaebel von  meinem  Fruehssstueck.",
schalt sie.

"Ich habe Hunger.", entschuldigte sich Azzuro.

"Isss auch. Aber jetssst ersssaehlt, wasss geht denn vor?"

"Wir sehen jemandem zu, der gerade die Begierde gegen die  Liebe  eingetauscht
hat."

"Nein, wie romantisss!"  Wie  alle  Fledermaeuse  war  auch  diese  hier  sehr
gefuehlsbetont.

"Isss liebe sssolssse Gesssisssten."

"Ja, ich auch.", freute sich Ulo.

"Ersssaehl!"

"Romeo hat festgestellt, dass Liebe und Begehren nicht das gleiche ist."

"Dasss haette isss ihm vorher sssagen koennnen."

Ulo nickte weise. "Ich weiss. Wahrscheinlich haette es  ihm  jede  Frau  sagen
koennen."

Sie  warf  Azzuro  einen  ironischen  Seitenblick  zu.	"Aber   Maenner   sind
Sklaven..."

"... weniger anssstaendiger Absssisssten.", vollendete die Fledermaus den Satz
verschaemt.

"Genau. Na, und jetzt steckt er in  einer  boesen  Klemme."  Ulo  machte  eine
Spannungspause.

"Sssag ssson!"

"Er hat sich ausgerechnet in eine Frau einer  verfeindeten  Familie  verliebt,
und zu allem Ueberdruss liebt sie ihn auch."

Traenen traten in die kurzsichtigen Augen der  Fledermaus.  "Wie  sssrecklisss
sssoen! Wie heissst esss: Die Liebe findet einen Weg."

"Wir werden sehen, ob er es schafft, den Wurm vom Haken  zu  holen  ohne  sich
aufzuspiessen." Azzuro fand seine Freude daran, die Frauen mit wenig  schoenen
Metaphern zu schockieren. "Er kann ihr nicht mal ein Staendchen bringen,  denn
wenn man ihn hier im Garten erwischt..." Azzuro machte eine  eindeutige  Geste
und schaute die Fledermaus erwartungsvoll an, die seinen  Blick  bemerkte  und
sich mit weiblichem Grossmut doch noch zu einem entsetzten Keuchen entschloss.

"Aber dasss issst ja..."

"Still!"  Ulo  hatte  Romeo  jenseits  der  Mauer  entdeckt,  die  den  Garten
umschloss.

