DER ZWEITE AKT
	  DIE DRITTE SZENE

Bruder Lawrence hob seine Fuesse in den Sandalen besonders hoch, denn das Gras
war nass und kalt vom Tau. Ueber seinen Arm  hatte  er	einen  Korb  gehaengt,
seine Kutte vorne zusammengefasst und in den  Strick  gesteckt,  der  ihm  als
Guertel diente. Die Sonne, die vorsichtig ueber die Gartenmauer lugte, brachte
Bruder Lawrencens Tonsur zum Schimmern und  glitzerte  auf  seinen  taunassen,
haarigen Beinen, wenn er sich niederbueckte und  Kraeuter  ausrupfte,  die  er
sorgfaeltig in seinen Korb legte.

"Komm nur her, du huebscher  Borretsch.",  sagte  Bruder  Lawrence  mit  einem
Laecheln, das die Pflanze nicht erwiderte. "Du kommst heute in meinen Salat."

"Ich koennte mir angenehmeres vorstellen.", murmelte Ulo, die  auf  der  Mauer
sass und sich die Sonne auf das Gefieder scheinen liess.

Azzuro, dem die durchwachte Nacht zusetzte, schreckte  neben  ihr  aus	seinem
Nickerchen hoch. "Was meintest du?", fragte er verschlafen.

Ulo antwortete nicht, sondern betrachtete Bruder Lawrence, dessen Bauch es ihm
sichtlich schwer machte, die Gaensebluemchen zu pfluecken,  die  seinem  Salat
Farbe geben sollte.

"Hab ich dich.", meinte der  Moench  triumphierend.  "Du  bist  mir  besonders
erwuenscht, kleines Gaensebluemchen. Denn sagt	nicht  schon  Leonhard	Fuchs:
_Die_ _Gennssblum_ _ist_ _fuertrefflich_ _gut_ _zu_ _den_  _lamen_  _glidern_.
Und lahm fuehle ich mich heute morgen ganz bestimmt." Er rieb sich den Ruecken
und liess seinen Blick ueber den Kraeutergarten  wandern,  bis	er  auf  einem
Maigloeckchen  haengenblieb.  "Dich  esse  ich  lieber  nicht,  auch  wenn  du
huebscher bist, als das Gaensebluemchen.", versicherte er der Blume,  die  ihm
jedoch keine Aufmerksamkeit schenkte. "So schoen du  riechst,  so  huebsch  du
anzuschauen bist, so boesartig giftig bist du auch." Er seufzte und drohte der
Blume scherzhaft mit dem Finger. "Jaja, so dicht  liegen  Schoenheit  und  Tod
manchmal nebeneinander."

"Der gute Bruder ist heute philosophisch aufgelegt.",  informierte  Ulo  ihren
Gefaehrten.

"Hmpf.", machte Azzuro ohne den Schnabel aus dem Gefieder zu ziehen.

Ulo stiess ihn an und beobachtete mit haemischem Grinsen, wie Azzuro  sich  um
sein Gleichgewicht bemuehte. "Romeo kommt."

"Lass ihn kommen und mich schlafen.", brummte Azzuro ungehalten.

"Was bist du, ein Mann oder..."

"...eine Kraehe.", vervollstaendigte Azzuro den  Satz  und  beschloss,  lieber
aufzuwachen, als Ulo weiterhin Gelegenheit zu geben,  ihn  von	der  Mauer  zu
stossen.

"Guten Morgen, Bruder Lawrence." Romeo winkte dem Moench froehlich zu.

"Du bist aber heute gut  gelaunt,  Romeo.",  wunderte  sich  Bruder  Lawrence.
"Sonst bekommt man dich doch nicht so frueh aus dem Bett. Junge Leute schlafen
lang und viel und das ist auch gut so.	Andererseits..."  Er  mass  Romeo  mit
einem kritischen Blick. "Du  bist  wohl  im  richtigen  Alter  um  eine  Nacht
durchzumachen."

"Genau. Und ich habe durchgemacht und fuehle mich frischer, als wenn  ich  die
ganze Nacht geschlafen haette."

Bruder Lawrence, der sich noch gut daran  erinnerte,  wie  es  war,  bevor  er
Moench wurde, schickte das Grinsen, dass sich auf  seinem  Gesicht  ausbreiten
wollte mit einem energischen Stirnrunzeln zurueck und besann  sich  auf  seine
Pflichten als Priester und geistlicher	Berater.  "Du  hast  doch  nicht  etwa
gesuendigt, mein Sohn?", fragte er streng. "Warst du bei Rosaline?"

"Wer  ist   Rosaline?"   Romeo   rieb   sich   mit   uebertrieben   verwirrtem
Gesichtsausdruck die Stirn. "Ach so, das war die Frau, die mich so schrecklich
traurig gemacht hat." Er lachte. "Nein, Bruder Lawrence, diese Frau  habe  ich
vergessen."

"Siehst du, ich habe dir doch gleich gesagt, dass dies  das  beste  fuer  dich
sein wuerde." Nun  stahl  sich  trotz  aller  Anstrengungen,  die  der  Moench
unternahm, doch noch Neugierde in seinen Blick. "Wo hast  du  dich  denn  dann
rumgetrieben?"

"Ich habe beschlossen, den Anweisungen der Bibel zu folgen und meine Feinde zu
lieben."

"Das ist an und fuer sich sehr loeblich, aber wenn du mir nicht sagst, was  du
getan hast, kann ich dir auch nicht sagen, was ich davon halte. Und meinen Rat
suchst du doch, wenn ich dich richtig verstehe."

"Nein, eigentlich nicht.", antwortete Romeo und  musste  ueber  das  verwirrte
Gesicht des Moenchs laecheln. "Also, gestern abend habe ich bei  den  Capulets
eine Feier besucht und dabei Julia kennengelernt."

"Oh.", machte Bruder Lawrence verstaendnislos.

"Sie ist wunderschoen, ich liebe sie, sie liebt mich und alles  was  wir  noch
brauchen, um endgueltig gluecklich  zu	werden,  ist  ein  Priester,  der  uns
verheiratet.", sprudelte es nun aus Romeo heraus.

"Aha." Nun verstand Bruder Lawrence, was  sein  Schuetzling  wollte.  "Und  an
dieser Stelle komme ich ins Spiel." Romeo laechelte seinen vaeterlichen Freund
so strahlend an, dass dessen Herz dahinschmolz. "Ich muss schon sagen, das ist
eine ueberraschende Wendung. Erst liebst du  Rosaline  und  jammerst  mir  die
Ohren voll, dann lernst du eine andere Frau  kennen  und  schon  ist  Rosaline
Schnee von gestern. Tja, ich sollte mir wohl angewoehnen, die jungen Leute mit
einem  Koernchen  Salz	zu  geniessen.	Zu  meiner  Zeit  war  man  nicht   so
sprunghaft."

"Aber du wolltest doch,  dass  ich  Rosaline  nicht  mehr  liebe."  Romeo  war
verwirrt.

"In Rosaline warst du verknallt, nicht verliebt. Das  ist  ein  entscheidender
Unterschied."

"Siehst du, jetzt hast du doch deinen Willen. Ich liebe Julia  und  bin  nicht
verknallt in sie."

"Das hast du von Rosaline auch gesagt."

Romeo ueberlegte, denn dieser Einwand wog schwer. "Ja, aber Rosaline hat  mich
nicht zurueckgeliebt."

Bruder Lawrence wiegte bedaechtig seinen Kopf hin und her. "Das ist wohl wahr.
Na, ich werde euch verheiraten, zumindest wird es euren Eltern	helfen,  ihren
Streit zu begraben."

"Worauf warten wir dann noch?" Romeo lief ein paar  Schritte  auf  die  kleine
Kapelle zu.

"Immer langsam mit den jungen Pferden." Er wischte sich den Schweiss  von  der
Stirn und bedachte Romeo mit einem langen Blick. "Nein, junge  Hengste  laufen
schnell, es sind die alten Wallache, die nicht hinterherkommen.",  korrigierte
er sich und laechelte.

