DER ZWEITE AKT
	  DIE ERSTE SZENE

Romeo stellte sich auf die Zehenspitzen und spaehte ueber die Mauer hinweg. Er
wunderte sich nur einen Moment lang darueber, dass auf ein und	demselben  Ast
eine Fledermaus kopfueber  hing  und  direkt  ueber  ihr  zwei	Kraehen.  _In_
_dieser_ _Nacht_, so dachte Romeo mit einem Schulterzucken, _kann_  _wirklich_
_alles_ _passieren_. _Ausserdem_: _Da_ _drin_  _irgendwo_  _ist_  _Julia_.  Er
zwinkerte den Kraehen zu.

"Wisst ihr, ich gehe heute nacht nicht  nach  Hause.  Schliesslich  ist  _sie_
hier, da kann ich einfach nicht ins Bett gehen, als sei nichts passiert."

Mercutio  und  Benevolio  tauchten  mit  dem  Laerm,  den   Betrunkene	 immer
veranstalten, an der Strassenecke auf. Romeo glitt mit einer Behendigkeit, die
ihn selbst erstaunte, in den Schatten eines Eingangs zurueck  und  betrachtete
seine Freunde mit einem Grinsen.

"Romeo, hey, alder Schunge, wo schteckscht du denn?", rief Benevolio.

"Er ischt schlauer geweschen alsch  wir  und  hat  schisch  schon  insch  Bedd
gelescht..."

Mercutio sah ganz danach aus, als habe er fuer nichts so gute  Verwendung  wie
fuer ein Bett.

"Seinen Schaedel moechte ich  morgen  frueh  nicht  haben.",  bemerkte  Azzuro
mitfuehlend.

"Ob er wohl genaussso sssmeckt wie eine Fliege,  die  ausss  einem  Weinglasss
gesssluerrft hat?", ueberlegte die Fledermaus.

"Du willst doch nicht etwa  den  Ruf  der  Fledermaeuse  ruinieren  und  einen
Menschen anknabbern?", fragte Ulo mit einem angeekelten Gesichtsausdruck.

"Nein, esss war nur wissssensssafltissse Neugier."

"Hm." Ulo schenkte  der  Fledermaus  einen  langen,  forschenden  Blick.  "Sag
mal,wie heisst du eigentlich?"

"Wlad."  Die  Fledermaus  grinste  und   leckte   sich   ueber   ihre   zarte,
hufeisenfoermige Nase.

"Wir sind Ulo und Azzuro." Ulo rueckte ein kleines Stueck von Wlad ab.

"Er holt schisch den Tod, wenn  er  hier  drauschen  rumschpringt."  Benevolio
machte sich ernste Sorgen um seinen Cousin. "Ruf  ihn,  scheine  Mu...  Mutter
reischt mir den Kopf ab, wenn isch ohne ihn ankomme."

"Isch  weisch  wasch  bescheresch."  Auch  Mercutio  kannte   Frau   Montagues
Einstellung zu Sauftouren. "Isch habe mal in einem Buch geleschen..."

"Nein!" Benevolio lachte.

"Doch. Pasch auf, isch werde ihn beschwoeren."

"Und wasch scholl er tun?"

"Herkommen, Schnapschnasche, wasch denn schonscht?" Mercutio holte Luft.

"Romeo!  Isch  beschwoere  disch  bei  deiner   Verliebtheit,   erscheine   du
Scheuftscher."

"Er ischt doch gar kein Schaeufer."  Benevolio  erinnerte  sich  dunkel,  dass
Romeo den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein  genippt  hatte  und  schon
nicht mehr bei ihnen gewesen war, als sie die Kneipe gefunden hatten.

"Scheuftscher!" Mercutio verdeutlichte seine Worte, indem er tief seufzte. "Du
bischt bloed und beschoffen."

"Schtimmt." Benevolio grinste.

"Romeo! Schag wasch. Esch reischt, wenn du 'Liebe' schagscht, wasch  anderesch
bekommscht du eh nischt rausch." Mercutio  kicherte.  "Du  kannscht  auch  ein
bi... bisch..."  Ein  konzentrierter  Ausdruck  trat  auf  Mercuitos  Gesicht.
"...biss-chen  jammern,  dann   erkennen   wir   disch   auch.   Alscho,   bei
Roschalinschens   langen   Beinen,   bei    ihrer    Schtupschnasche,	 ihren
Schommerschproschen und ihrem Buschen: Romeo, erscheine!"  Benevolio  ruelpste
ungeniert. "Wenn er disch jetscht gehoert hat, bekommscht du Pruegel."

"Quatsch. Viel schlimmer waere esch doch, wenn isch ihn  riefe  und  ihn  dann
schtehen liesche. Scho wasch machen nur gemeine Frauen." Sein  Gesicht  verzog
sich in einer trunkenen Parodie der Trauer. "Aber  leider  schind  scho  viele
Frauen gemein." Eine Weile hielten sich die beiden Maenner in  den  Armen  und
gedachten traenenreich frueherer Enttaeuschungen.

Nach einer Weile putzte sich Benevolio umstaendlich die Nase, die jetzt  nicht
mehr nur vom Alkohol geroetet war. "Weischt du wasch, lasch unsch nach Hausche
gehen, Romeo will beschtimmt den Mond anheulen, da schtoeren  wir  schowiescho
nur." Mercutio schniefte, dann, in seinen Stimmungswechseln  so  schnell,  wie
nur Betrunkene es sein koennen, lachte er. "Wahrscheinlisch schitscht er unter
einem Baum und wuenscht schisch, er mueschte  nischt  allesch  schelber  tun."
Seine eindeutige Geste liess keinen Zweifel am Inhalt seiner  Worte.  "Alscho,
fuer misch reischt heute nacht der Betrieb in meinem  Bett."  Er  beugte  sich
nieder und betastete den Boden. "Nee, dasch ischt mir schu hart,  lasch  unsch
nach Hausche gehen und Romeo..." Er ueberlegte einen  Moment,  dann  rief  er:
"Schlaf gut, Romeo. Und wenn du heut nacht  klempnerscht,  dann  verleg'  fuer
mich ein Rohr mit."

"Was fuer ein ordinaerer..." Ulo suchte in ihrem Gedaechtnis nach Ausdruecken,
die  gleichzeitig  damenhaft  und  ihrer  Stimmung  angemessen	 waren,   fand
allerdings keine.

"Recht hassst du." Auch Wlad war empoert. "Ssso  wasss  sssollten  wir  Frauen
unsss nissst gefallen lassssen."

"Ist Vlad nicht ein Maennername?", wollte Azzuro wissen.

"Mit V ssson, aber isss sssreibe misss mit W."

"Oh.", machte Ulo und rueckte verlegen wieder naeher an Wlad heran.

"Issst Romeo auch ssso ein Ssswein?"

"Keine Ahnung." Ulo zuckte die Schultern. "Er ist ein Mann, wahrscheinlich ist
er also um keinen Deut besser."

"Was willst du damit sagen?", fragte Azzuro saeuerlich.

"Ach, nichts. Still, Romeo kommt wieder."

Romeo, der aus dem Schatten trat,  war	ebenso	wenig  begeistert  von	seinen
Freunden wie Ulo und Wlad. "Der hat gut reden, so wie er gebaut  ist,  hat  er
die Haende immer frei.", murmelte er. Sein Blick fiel auf den Balkon im ersten
Stock und den Baum davor.

"Er ueberlegt, ob er da rauf kommt.", fluesterte Ulo.

"Alssso issst er doch ein Ssswein.", stellte Wlad ebenso leise fest.

