DER ZWEITE AKT
	  DIE FUENFTE SZENE

Ulo und Azzuro hatten sich im Garten damit vergnuegt, Julia zu beobachten.

"Ich sitze wie auf Kohlen.", beklagte sich Julia bei Ulo.

"Krah.", machten Ulo und Azzuro wie aus einem Schnabel.

Verwirrt blickte Julia zu ihnen hoch. "Letzte Nacht konntet  ihr  reden."  Sie
zuckte die Schultern. "Aber letzte Nacht war ja ohnehin nichts so, wie es sein
sollte. Alles war  ganz..."  Sie  zoegerte.  "...ganz  verzaubert."  Sichtlich
erfreut ueber ihre poetische Wortwahl rief sie ihren  Hund  und  spielte  eine
Zeit lang mit ihm. "Polly macht mich noch ganz verrueckt.", klaerte Julia  den
Hund auf. "Kannst du dir vorstellen, dass sie  fuer  einen  simplen  Botengang
drei Stunden braucht?"

Statt einer Antwort rollte sich der Hund auf den Ruecken und tat, was Hunde am
besten koennen: Er hechelte.

Hunde, liebe Leserin, lieber  Leser,  gehoeren	in  eine  Geschichte  wie  der
unseren einfach dazu. Sie sind das Salz in der Suppe.

Wer  jemals  Liebeskummer  hatte,  weiss  die  Gesellschaft  eines  Hundes  zu
schaetzen, denn mit ihren seelenvollen braunen Augen haengen  sie  gebannt  an
den Lippen ihres Frauchens oder Herrchens und scheinen wahrhaftig  jedes  Wort
zu verstehen. Dies ist selbstverstaendlich ein	Trick,	mit  dem  Hunde  ihren
Menschen dazu bringen, ihnen einen besonders schoenen Knochen  zu  spendieren.
Dennoch fallen wir Menschen immer wieder  auf  Hunde  herein,  denn  wir  sind
leicht zu domestizieren.

Die ganze Tierwelt zollt den Hunden fuer ihren Erfolg  mit  der  Zaehmung  des
Menschen grossen Respekt. Die einzigen Tiere, die den  Hunden  diese  Leistung
absprechen,  sind  die	Katzen,  doch  das  liegt  eher  daran,  dass	Katzen
prinzipiell niemanden respektieren. Julia taetschelte ihrem Hund gehorsam  den
Bauch. "Wenn Polly bloss schneller waere. Ich halte es kaum noch aus."

Das  Knarzen  und  Quietschen  des  Gartentores  gab  die  Ankunft   wichtiger
Neuigkeiten bekannt, noch bevor Polly hindurch trat. Julia sprang auf wie  von
einer Bremse gestochen und rannte auf Polly zu. "Polly, liebe Polly!  Na,  sag
schon, was hat er  gesagt?  Was  soll  ich  machen?  Hast  du  ihn  ueberhaupt
getroffen? Red doch!"

Polly schnaufte. "Nun mal langsam. Setz dich lieber erst einmal hin."

"Ich kann mich nicht setzen, bevor du mir nicht gesagt hast, was los ist."

"Und ich kann dir nichts sagen, solange ich noch so  ausser  Atem  bin.  Jetzt
setz dich hin, du machst mich verrueckt. Wie soll ich denn Luft holen koennen,
wenn Du so herumspringst?"

Julia betrachtete ihre Amme kritisch. "So sehr kannst du doch gar nicht ausser
Atem sein, wenn du mir sagen kannst, dass du ausser Atem bist."

"Das verstehst du noch nicht." Polly holte tief Luft und donnerte: "Setz  dich
hin!" Julia plumpste ins Gras.

"So doch nicht, du machst ja Flecken in dein  Kleid."  Polly  seufzte.  "Kind,
Kind, wirst du denn nie erwachsen?"

Wortlos stand Julia auf und liess sich auf einer Bank nieder.  "Jetzt  besser?
Kannst du jetzt endlich reden?"

Polly laechelte. "Ja, jetzt kann ich reden. Da hast du dir ja  einen  schoenen
Galan ausgesucht, Julia. Also, ich will ihn ja nicht schlechter machen als  er
ist, aber ich muss schon sagen, er hat ein paar  sehr  unerfreuliche  Freunde.
Obwohl er einen knackigen ... Geist hat. Knackig im Sinne von frisch, wenn  du
verstehst, was ich meine. Er ist noch nicht ganz trocken.  Hinter  den	Ohren.
So, jetzt erzaehl aber, was du heute gefruehstueckt hast."

Ulo grinste breit auf  ihrem  Ast.  "Polly  versteht  es  wirklich,  Julia  zu
triezen."

Azzuro,  der  fasziniert  auf  Pollys  rotes  Gesicht  blickte	und  auf   den
Schlaganfall wartete, nickte nur.

Julia, die wusste, was Polly beabsichtigte, seufzte tief. "Das weiss  ich  und
nichts."

"Nichts? Kind, du faellst mir ja ganz vom Fleisch. Das  ist  aber  nicht  gut,
wenn Romeo sich an dir blaue Flecken holt."

Julia setzte ein unschuldiges Gesicht auf. "Holt er sich denn blaue Flecken?",
fragte sie scheinheilig.

Azzuro nickte. "Tut er."

Polly kniff Julia in die Seite. "Also, wenn du es genau wissen willst..."

"Ja?"

"Also, dein junger Freund sagt, so wie es ein anstaendiger Mann sagen  sollte,
wenn er auf sich haelt und ausserdem noch die Chance seines Lebens  bekommt...
Wo ist eigentlich deine Mutter?"

"Also, Polly, das ist ja nun sicherlich nicht seine  Antwort,  oder?  'Wo  ist
deine Mutter'" Julia schuettelte den Kopf.

"Du liebes bisschen, du bist ganz schoen heiss. Auf die  Antwort,  meine  ich.
Wenn du verstehst, was ich meine. Also, er sagt, ganz und gar..."

Ulo stoehnte mit Julia im Chor.

"Du sollst heute nachmittag in die Kapelle dieses Minoriten  kommen.  Lawrence
heisst er. Und da bekomme ich einen Ring und du eine Leiter." Sie  schuettelte
den Kopf. "Nein, umgekehrt: Du bekommst den Ring und ich die Leiter  fuer  die
Hochzeitsnacht."

Jubelnd huepfte Julia um Polly herum und zog uebermuetig an  Azzuros  Schwanz.
Ihr Hund, der ihre Freude missverstand, kniff Polly in die Wade  und  handelte
sich einen Tritt ein.

Auf Pollys verwittertes Gesicht stahl sich ein Laecheln. "Sieht ganz  so  aus,
Kind, als fielest du gleich auf den Ruecken."

"Erst heute abend.", versetzte Azzuro.

"Hauptsache,  sie  faellt."  Polly  grinste  und  ihre  Wangen  bekamen  einen
maedchenhaft rosigen Schimmer. "Aeh, nicht herein, meine ich natuerlich."

"Natuerlich.", stimmte Azzuro zu und schaffte es, voellig ernst zu bleiben.

