DER VIERTE AKT
	DIE VIERTE SZENE

Frau Capulet schleuderte ihre Blicke ueber das	Schlachtfeld,  das  aus  ihrem
Haus geworden war, fand Polly und bannte sie mitten im	Schritt.  "Hier,  nimm
die Schluessel, in der Kueche werden noch Kraeuter gebraucht."

Polly nahm  die  Insignien  hausfraulicher  Macht  andaechtig  entgegen.  "Der
Baecker moechte auch Datteln und Quitten haben."

"Dann gib sie ihm." Frau Capulet sah ihren Mann die Treppe herunter kommen und
stoehnte. "Er hat mir grade noch gefehlt."

Herr Capulet nahm mit Schwung  die  Kurve  um  einen  Diener  herum,  der  ein
Bierfass in Richtung Speisesaal rollte, duckte sich im	letzten  Moment  unter
einem Tablett mit Glaesern durch und wich um  Haaresbreite  einem  Tisch  aus,
der, vollbeladen mit Obst, unschuldig inmitten des Raumes stand. "Was hat denn
der Tisch hier zu suchen? Sonst ist der doch  auch  nicht  da.",  wunderte  er
sich.

"Natuerlich nicht." Frau Capulet fasste sich mit uebertriebener Geste  an  die
Stirn. "Aber nachdem wir so wenig Zeit haben, die Hochzeit vorzubereiten, kann
schon einmal ein Tisch im Weg stehen."

"Schon gut, schon gut." Herr Capulet gewahrte einen Kuechenjungen, der sich in
eine Ecke drueckte und versuchte, moeglichst viel von der Plaenkelei  zwischen
ihm und seiner Frau zu hoeren. "Du da!"

"Ich?" Der Kuechenjunge blickte sich um.

"Ja, du. Sieh zu, dass du auf die Fuesse kommt, wir haben nicht den ganzen Tag
Zeit." Herr Capulet wedelte mit den Haenden und ohrfeigte  einen  Diener,  der
sorgsam einen Fuss vor den anderen setzte und mit  zusammengekniffenen	Lippen
auf die Suppenterrine in seinen Haenden starrte.

Pollys Gesicht verzog sich zu einem Inbild  des  Zorns,  als  der  Diener  die
Terrine  fallen  liess	und  eine  gute  Handvoll  anderer  Bediensteter   mit
bruehheisser Suppe ueberschuettete. Sie stemmte die  Arme  in  die  Seite  und
wartete geduldig, bis sich der Aufruhr gelegt hatte.  "Herr  Capulet?"  Pollys
Stimme war freundlich.

"Ja?"

Polly atmete tief durch und man sah ihre Lippen die Zahlen von eins  bis  zehn
formen.  Schliesslich  kniff  sie  die	Augen  zusammen.  "Sie  wollten  nicht
zufaellig gerade gehen?", saeuselte Polly.

"Kielholen, kielholen!" Ulo jauchzte.

"Nein, eigentlich nicht." Herr Capulet war sichtlich verwirrt.

"Ein Mann wie Sie hat sicherlich keine rechte Freude  daran,  Frauenarbeit  zu
tun, oder?"

"Gibs ihm!" Azzuro vergass ganz und gar, kraehisch zu sprechen.

"Habe ich Keks gesagt, dass du Kruemel dich meldest?", fragte Polly scharf und
erwuergte Azzuro mit einem Blick.

"Kruemel?" Azzuro war entruestet.

"Irgendjemand  muss  sich  ja  darum  kuemmern,  dass  alles   glatt   geht.",
verteidigte sich Herr Capulet, der die Kraehen gar nicht beachtete.

"Ja-a.", machte Polly. "Wir."

"Wenn ich euch Weibern hier das Regiment ueberlasse, geht  alles  drunter  und
drueber."

Polly betrachtete betont die Scherben der Terrine und schwieg.

"Sie hat Kruemel gesagt!", empoerte sich Azzuro in die eisige Stille hinein.

"Ueberhaupt war ich zu meiner  Zeit  durchaus  in  der  Lage,  mich  um  einen
Haushalt zu kuemmern." Herr Capulet hob unbehaglich die Arme.

"Richtig, zu Ihrer Zeit. Und morgen jammern Sie ueber ihr Zipperlein, weil Sie
die Nacht durchgemacht haben."

"Unsinn."  Herr  Capulet  runzelte  die  Stirn.  "Fuerchtest  du,  es  koennte
auffallen, wieviel besser ich das kann als du?"

"Das Jammern?" Ulo kicherte.

Alle Blicke senkten sich wieder auf die Scherben.

"Liebling, das war die Terrine aus dem  Service,  das  meine  Mutter  uns  zur
Hochzeit geschenkt hat.", mischte sich Frau Capulet ein.

"Hoechste Zeit, dass wir ein  neues  anschaffen."  Herr  Capulet  wandte  sich
brummend zu zwei Dienern um, die ein  Schwein  auf  einem  Spiess  zur	Kueche
trugen. "Was ist das?", schnauzte er.

Der vordere Diener wandte sich um und betrachtete das  Tier  auf  dem  Spiess.
"Ein Schwein, wenn mich nicht alles taeuscht."

"Ein Schwein, pah!" Polly schnaubte und schob sich an den  Dienern  vorbei  in
die Kueche.

"Wen hat sie damit wohl gemeint?", fragte Ulo leise.

"Kruemel, pah!" Azzuro schlug mit den Fluegeln.

"Nein, mit dem Schwein."

"Wen interessiert das? Sie hat mich Kruemel genannt!"

Herrn Capulets Zeigefinger machte einen Vorstoss auf eine Magd.  "Was  ist  in
dem Korb?"

"Keine Ahnung, ist fuer die Kueche."

"Dann bring es hin."

"Ich bin dabei.", versetzte die Magd.

"Gut, gut." Herr Capulet ignorierte seine Frau, die  sich  mit  verschraenkten
Armen gegen die Wand lehnte.

"Da kommt Paris." Ulo wandte den Kopf  und  betrachtete  den  bunten  Zug  von
Musikanten und Akrobaten, die Paris begleiteten.

Auch Herr Capulet hatte die Musik gehoert. "Du lieber Himmel, da ist ja  schon
Paris!" Er drehte sich um seine Achse. "Polly!"

Polly streckte den Kopf durch die Kuechentuer. "Was ist denn?"

"Paris ist los - nein, da. Los, los, wecke Julia. Bring sie  her!  Nein,  zieh
sie erst an, bring sie danach." Herr Capulet breitete die Arme aus und  drehte
sich um seine Achse.

Polly fing den Blick Frau Capulets und tippte sich bedaechtig mit einem Finger
an die Stirn, dann verschwand sie die Treppe hinauf.

