DER ZWEITE AKT
	  DIE VIERTE SZENE

Mercutio zog ein unwilliges Gesicht. "Ich frage  mich,  wo  zum  Teufel  Romeo
steckt. Letzte Nacht war er nicht daheim."

"Jedenfalls nicht bei seinem Vater.", grinste Benevolio.

"Bestimmt  ist  er  draussen  herumgerannt  und  hat  ueber   diese   Rosaline
gejammert." Mercutio spuckte den Namen regelrecht aus.

"Es kommt noch schlimmer." Benevolio zueckte ein Taschentuch und  putzte  sich
umstaendlich die Nase. "Es ist ein Brief von Tybalt angekommen."

"Ach  du  dicker..."  Mercutio   wurde   blass.   "Das   ist   bestimmt   eine
Herausforderung."

Sie wissen,  liebe  Leserin,  lieber  Leser,  dass  in	mythischer  Zeit  eine
Herausforderung nicht mehr war, als heute eine Einladung zu einem  Tennismatch
unter  Feinden.  Natuerlich  lief  es  nicht  ganz  so	unblutig  ab  wie  ein
Tennismatch, dafuer aber hatten die Bestattungsunternehmer mehr zu tun und die
Gerichte mussten sich  nicht  mit  Beleidigungsklagen  auseinandersetzen.  Ein
findiger Kopf erfand dann irgendwann die  Rechtschutzversicherung  und	sorgte
dafuer,  dass  Duelle  verboten  wurden.  Wir  schulden  dem  Erfinder	dieser
Versicherung  bis  heute  Dank,  denn  ansonsten  waeren  die	Praemien   der
Sterbekassen und Lebensversicherungen wesentlich hoeher.

Benevolio nickte bedaechtig. "Romeo wird ihm schon  eine  angemessene  Antwort
darauf geben."

"Solange es keine anmassende ist."  Mercutio  schuettelte  den  Kopf.  "Dieser
Tybalt macht mir Sorgen."

"Ach was, Tybalt ist ein aufgeblasener Idiot."

"Vielleicht. Aber ausserdem ist er noch ein verdammt guter Fechter."

"Romeo auch."

"Nicht gut genug, fuerchte ich." Mercutio haetter gerne eine  bessere  Meinung
von den Fechtkuensten  seines  Freundes  gehabt,  hatte  jedoch  Tybalt  schon
kaempfen sehen.

"Komm, male nicht schwarze Leute an weisse Waende." Benevolio wedelte mit  den
Haenden, als wolle  er	einen  Mueckenschwarm  verscheuchen.  "Siehst  du?  So
vertreibe ich deine trueben Gedanken."

"Und holst Romeo damit her.", laechelte Mercutio. "Hallo Romeo.  Na,  Wie  war
deine Nacht?" Ein luesternes Grinsen breitete sich ueber sein Gesicht aus.

"Interessant.", antwortete Romeo unbestimmt.

"Das kann ich dir ansehen, mein Freund." Benevolio strich die zerzausten Haare
seines Cousins zurecht.

"Hast uns ja ganz  schoen  reingelegt,  mein  Lieber.",  wies  Mercutio  Romeo
zurecht.

"Habe ich? Das tut mir leid, aber ich bin im Moment so schrecklich...  aeh..."
Er ueberlegte und fuegte dann mit einem Grinsen hinzu: "...strapaziert."

Mercutio lachte. "Deine Strapazen moechte ich haben!"

"Dann waerest du genauso muede wie ich."  Romeo  rieb  sich  uebertrieben  die
Augen.

"Und haette wie du Aehnlichkeit mit der Katze, die den Sahnetopf ausgeschleckt
hat."

"Nachdem die Koechin das Verbrechen entdeckt hat, kannst du meine Rolle  gerne
haben.", meinte Romeo grinsend.

"Das ist unfair: Die Sahne bekommst du und ich den Aerger mit der Koechin."

"Besser den Aerger als die Koechin." Romeo schuettelte sich.

"Besser die Sahne als beides."  Mercutio  wiegte  sich  in  den  Hueften.  "So
gefaellst du mir schon besser, Romeo. Gestern hast du noch ziemlich truebe aus
der Waesche geschaut." Er grinste breit.  "Und  heute  nacht  in  die  Waesche
hinein, nehme ich an."

Romeo trat nach Mercutio, gab sich aber keine besondere Muehe, ihn zu treffen.
"Nichts da, ich bin anstaendig."

"Nicht, dass du es freiwillig waerest."

"Pfft.", machte Romeo und wandte sich ab. Sein Blick blieb auf Polly  haengen,
die sich ihren Weg ueber den Marktplatz bahnte und dabei an ein Schlachtschiff
unter vollen Segeln gemahnte. Verschaemt deutete er mit dem Finger auf	Polly.
"Streicht die Flagge, Leute, der Korsar wird uns entern."

Mercutio verbarg sein Gesicht hinter den  Haenden.  "Bemannt  die  Boote,  sie
rammt uns!"

Benevolio lachte. "Dort blaest er!"

Azzuro schuettelte sich, als er wieder einmal ein fremdes Zitat hoerte,  blieb
aber stumm.

"Was soll denn das, Benevolio?" Romeo ergriff die Nase seines Cousins mit zwei
Fingern, zog sein Gesicht daran nach oben und beschaute sich sowohl die Zaehne
als auch die Augen. "Bist du sicher, dass du ganz gesund bist?"

"He!" Benevolio gab Romeo einen Stoss. "Lass das, du tust mir weh."

"Ich wollte doch nur nachsehen, ob dir irgendetwas fehlt."

"Da oben fehlt ihm nichts.", belehrte  Mercutio  seinen  Freund.  "Schon  eher
fehlt ihm unten etwas, aber darueber sprechen anstaendige Maenner ja nicht."

"Anstaendige Maenner benutzen es und schweigen.", meinte Romeo.

"Anstaendige Maenner brauchen es nicht." Benevolio rieb sich die Nase.

"Armer Benevolio, hat man dir das zum Trost  erzaehlt?"  Mercutio  taetschelte
Benevolios Kopf.

"Sieh an, die Galeone hat noch eine Schaluppe im Schlepptau.", bemerkte Romeo.

"Die Schaluppe ist wohl das Proviantschiff." Benevolio hatte den grossen  Korb
bemerkt, der ueber Peters Arm hing und mit  Gemuese  vollgestopft  war.  Romeo
nickte, doch da Polly nun auf Hoerweite herangekommen  war,  zog  er  es  vor,
nicht mehr zu antworten und sich statt dessen vor Polly zu verneigen.

"Guten Morgen.", gruesste Polly.

"Eher guten Abend.", gab Mercutio zurueck.

"Wieso? Es ist doch noch frueh am Tag."

"Aber Mittag ist viel zu unanstaendig, den uebergeht eine  Dame  besser.  Wenn
der Zeiger so aufgerichtet ist..." Mercutio liess den Rest des Satzes  in  der
Luft haengen.

"Peter, mein Faecher.", verlangte Polly und mass Mercutio mit einem Blick, den
man nicht in Worten beschreiben kann.

Eher ist es moeglich, Mercutios Entsetzen zu beschreiben,  als	er  den  Blick
auffing und tiefrot wurde. Er erinnerte sich ploetzlich an den Tag, an dem ihn
seine eigene Kinderfrau mit der Hand in der  Hose  erwischt  hatte.  Um  seine
Verlegenheit zu ueberspielen, rief er: "Jawohl, Peter, den Faecher  der  Dame,
der Faecher ist wahrscheinlich ein schoenerer Anblick als das Gesicht."

Polly kniff die Augen zusammen, sagte aber nichts.

"Nehmen  Sie  ihn  nicht  zu  ernst.",  riet  Romeo  und   versuchte,   Pollys
Aufmerksamkeit von Mercutio abzulenken.

Polly seufzte. "Kann einer von Ihnen mir wohl sagen, wo ich einen jungen  Mann
namens Romeo finde?"

"Wenn Sie nur seinen Vornamen wissen, wird er vermutlich  ein  Graubart  sein,
bevor sie ihn  gefunden  haben.",  meinte  Romeo  laechelnd.  "Aber  wenn  Sie
einstweilen mit mir Vorlieb nehmen wollen?"

"Nicht, dass ich eine Vorliebe fuer Sie haette,  nein,  aber  wenn  Sie  Romeo
heissen, dann nehme ich Sie."

Mercutio machte "Ha!", und kruemmte sich dann in einem Hustenanfall,  der  ihm
sofort von Benevolio ein paar kraeftige Schlaege auf den Ruecken eintrug.

"Aeh, ich bringe Mercutio zu dir nach Hause, Romeo, er sollte etwas trinken."

Benevolio gab sich alle erdenkliche Muehe, sein Gesicht ernst zu halten.  "Wir
treffen uns dann da zum Mittagessen." Er beugte sich  besorgt  ueber  Mercutio
und schleppte diesen aus Pollys Reichweite.

"Was war denn das fuer ein Flegel?", fragte Polly.

"Wie ich schon sagte, nehmen Sie ihn nicht fuer voll. Was kann  ich  fuer  Sie
tun?" Romeo hatte selbst Probleme, nicht zu lachen.

"Also wirklich." Polly war immer noch  nicht  bereit,  Mercutios  Benehmen  zu
vergessen. "Wie kann er sich nur so gegen eine Dame verhalten. Als ob ich eine
Hergelaufene waere, mit der er machen  kann,  was  er  will."  Ihre  Empoerung
schlug in Wut gegen Peter um und sie schlug mit ihrem Faecher nach  ihm.  "Und
du stehst dabei und haelst Maulaffen feil,  waehrend  der  Kerl  mir  zu  nahe
tritt."

Peter rieb sich die Stelle an seinem Arm, die Polly getroffen hatte. "Ich  hab
nix gesehen, hab ich nich. Is ja nich, als waer ich nich  direkt  dabei,  wenn
man Ihnen ueberhaupt zu nah kommen koennt." Sein Blick ruhte einen  Augenblick
interessiert auf Pollys stattlicher Figur. "Aber der Jung is ihnen nich zu nah
gekommen, is er nich." Er nickte noch einmal zur Bekraeftigung  und  zwinkerte
Romeo zu, der sich umstaendlich die Nase putzte und sein Grinsen hinter seinem
Taschentuch verbarg.

Polly betrachtete Peter nachdenklich, wandte sich dann aber Romeo  zu.	"Also,
junger Mann. Sie wissen, dass Julia mich schickt. Ich sage Ihnen jetzt	nicht,
was sie mir gesagt hat, obwohl ich es nicht vergessen habe, denn ich  vergesse
nie etwas. Auch  die  Beleidigungen  dieses  Flegels  nicht,  der  so  schnell
verschwunden ist, ohne sich zu entschuldigen. Wenn Sie ein  anstaendiger  Mann
sind, und das hoffe ich fuer Sie, denn ansonsten bekommen Sie es  mit  mir  zu
tun, dann rate ich Ihnen, mir zu sagen, wie Ihre Absichten sind.  Glauben  Sie
mir, ich werde Julia troesten, wenn Sie mit ihr ein  falsches  Spiel  treiben,
aber Sie werden sich in diesem Fall wuenschen, sie haetten es nie  angefangen.
Also, was sagen Sie?"

Romeo ueberlegte nicht lange. "Wenn Sie mich so fragen, dann lassen  Sie  mich
erklaeren, dass..."

Polly  klatschte  in  die  Haende  und	beobachtete  befriedigt,   wie	 Romeo
zusammenzuckte.

"Gut, das ist sehr gut, da wird mein Laemmchen ausser sich sein vor Glueck."

"Ich glaube, Sie hoeren mir nicht zu."

"Wieso? Ich habe alles gehoert, was ich hoeren muss. Oder haben Sie etwa nicht
gesagt, dass Sie sich erklaeren? Soweit ich weiss, sagt ein anstaendiger  Mann
doch, dass er sich erklaert. Wie auch immer, wenn  Sie	sich  erklaeren,  dann
haben Sie lautere Absichten, also gebe ich mich zufrieden."

"Da, jetzt gibt es keinen Weg zurueck." Ulo grinste boese.

Azzuro schuettelte bedauernd den Kopf und schwieg.

Als Romeo die Bedeutung von Pollys Worten daemmerte, wurde er, soviel soll  zu
seiner Ehrenrettung gesagt sein, nur  fuer  einen  kurzen  Moment  bleich.  Er
raeusperte sich. "Na  gut.  Bitten  Sie  Julia,  heute  Nachmittag  zu  Bruder
Lawrence zu kommen, dort werden wir heiraten." Er grub in seinen  Taschen  und
foerderte ein paar Muenzen zutage, die er Polly in die Hand drueckte. "Und das
ist fuer Sie."

"Nein, danke. Ich nehme kein Geld dafuer, dass ich Julia einen Gefallen  tue."
Azzuro flog eine Runde um Romeos Kopf  und  fluesterte	leise:	"Denk  an  die
Hochzeitsnacht, das ist doch das Beste am Heiraten."

Romeos Gesicht leuchtete auf. "Na gut, dann nehmen Sie  es  dafuer,  dass  Sie
waehrend der  Trauung  in  Lawrencens  Garten  stehen  und  eine  Strickleiter
entgegen   nehmen."   Polly   wurde   puterrot.   "Ah,   ich   verstehe,   die
Hochzeitsnacht."  Rasch  verbarg  sie  ihr  Gesicht  hinter  dem  Faecher  und
kicherte. "Einverstanden." Polly blickte zu Peter und runzelte die Stirn. "Hm,
wer wird die Leiter denn bringen? Ich meine,  wird  derjenige  auch  schweigen
koennen?"

"Bestimmt, dafuer werde ich sorgen." Romeo laechelte.

"Dann ist es ja gut. Tja, daran habe ich nicht gedacht, als sie als  Kind  auf
die Nase fiel und mein	Mann  Gott-hab-ihn-selig  sagte..."  Polly  unterbrach
sich. "Ach ja, da gibt es noch einen jungen Mann, der gerade  zu  Besuch  ist.
Paris heisst er, vielleicht haben Sie schon von ihm gehoert? Er macht ganz den
Eindruck, als haette er Lust, sich bei Julia einzunisten und  wenn  er	soweit
ist auch gleich bei ihrem Vater. Im Geldbeutel, wenn Sie  verstehen,  was  ich
meine. Was denken Sie, wie niedlich blass Julia wird, wenn  ich  sie  aufziehe
und ihr sage, dass  Paris  ein	besserer  Mann	ist  als  Sie?"  Polly  genoss
sichtlich Romeos verwirrten Gesichtsausdruck. "Sie  will  so  gar  nichts  von
einem anderen Mann hoeren und sieht wirklich allerliebst aus,  wenn  sie  sich
ueber mich aergert."

"Aeh, ja?"

"Ja, das tut sie. Und mehr noch, Sie wuerden Ihre helle  Freude  daran  haben,
wenn Sie hoeren koennten, wie sie ihrem Hund von Ihnen erzaehlt. Ganz niedlich
rollt sie dabei das  R	in  Ihrem  Namen  und  macht  dabei  das  Knurren  des
Huendchens nach." Romeo zog es vor,  nicht  weiter  ueber  die  Aehnlichkeiten
zwischen seinem Namen und dem Knurren eines Schosshuendchens nachzudenken  und
laechelte noch ein Mal mit erzwungener	Freundlichkeit.  "Wie  dem  auch  sei.
Bitte richten Sie Julia meine Gruesse aus."

"Mehr nicht?"

"Mehr sage ich ihr dann heute Nacht, nachdem wir verheiratet sind."

Wieder wurde Polly rot. "Oh."

