PROLOG
Wir befinden uns in Verona. Stellen Sie sich die Stadt vor. Koennen Sie nicht?
Gut, fangen wir am Anfang an, so, wie es sich gehoert.

Eigentlich befinden wir uns in einem Zeitalter, dem  man  spaeter  irgendeinen
gelehrten und eigenartig klingenden Namen geben wird, aber das tut hier nichts
zur Sache, denn wie es sich fuer eine Geschichte ziemt, ist die  Zeit  ohnehin
die Gute Alte. Das heisst nicht, dass  es  in  irgendeiner  Weise  besser  und
schoener waere, als es heute ist, es  bedeutet	lediglich,  dass  sie  unseren
Traeumen entspricht. Sie ist mythisch und somit jenseits aller Kritik.

Stellen wir uns also Verona vor,  wie  die  Stadt  in  der  guten  alten  Zeit
ausgesehen haben mag. Die Strassen sind sauber, so sauber, dass man von  ihnen
essen koennte. Womit ich nicht unterstellen will, dass	Sie  zu  den  Menschen
gehoeren, die auf solche Gedanken kommen. Im Gegensatz zu aller Ueberlieferung
und allen historischen Erkenntnissen  sind  die  Gossen  nicht	schmutzig  und
niemand giesst aus den Fenstern des ersten Stocks eine unaussprechliche,  aber
im Grossen und Ganzen braune und gelbe Masse.  Und  bitteschoen,  die  Haeuser
beugen sich nicht wie verhutzelte alte Leute ueber die Strassen und betrachten
die Menschen mit dem arroganten Gesichtsausdruck, den ein Autor eines  anderen
Genres ihnen andichten wuerde. Das genaue Gegenteil ist der Fall.  Die	Mauern
sind weiss, die Fenster sauber geputzt,  die  Gardinen	frisch	gewaschen  und
bunte Kaesten mit noch bunteren Blumen zieren die Fensterbaenke,  die  genauso
frisch geputzt sind wie die Strassen. Ja, Sie haben richtig  gehoert:  In  der
guten alten Zeit putzten anstaendige Menschen  sogar  die  Fensterbaenke.  Sie
haetten wahrscheinlich auch die Daecher geputzt, wenn  ihre  Arme  lang  genug
gewesen waeren - fragen Sie die aelteren Menschen in ihrem Dorf, wenn Sie  mir
nicht glauben.

Womit wir beim Thema Leute sind. Haben Sie  bemerkt,  wie  geschickt  ich  die
Ueberleitung gemacht habe? Wir befinden uns in	einer  mythischen  Zeit,  also
koennen Sie sich die Menschen sicherlich vorstellen. Keine Frau, die sich dort
mit Problemen wie Falten und Orangenhaut herumschluege, kein Mann, dessen Bart
nicht dicht genug waere oder dessen Muskeln zu unentwickelt. Nein, meine Damen
und Herren, hier ist Verona. Eigentlich  sollte  ich  VERONA  schreiben.  Oder
wenigstens _Verona_, wenn Ihnen die  Grossbuchstaben  zu  pompoes  sind.  Jede
einzelne der Frauen verdiente sich heute  eine	goldene  Nase  als  Model,  so
perfekt ist ihre Figur, so ebenmaessig ihr Gesicht,  so  dezent  ihr  Make-up.
Ihre Hautfarbe ist allerdings heute nicht mehr en Vogue, aber das ist  nichts,
dem nicht ein Nachmittag auf der Sonnenbank abhelfen koennte. Und die Maenner!
Haben Sie eine Ausgabe von Capital zur Hand? Schauen Sie hinein und suchen Sie
sich den attraktivsten Mann heraus. Haben Sie? Gut. Nun ziehen Sie ihm	diesen
grausigen Anzug aus und stecken Sie ihn in eine zweifarbige Strumpfhose.  Dazu
verpassen Sie ihm noch ein  bauschiges	Rueschenhemd.  Und  streichen  Sie  um
Gottes Willen dieses schreckliche Handy!

So also sehen die Menschen Veronas aus. Zumindest die, um welche  wir  uns  in
dieser Geschichte kuemmern wollen. Sie fragen nach den	anderen?  Aber,  liebe
Leserin, lieber Leser, wer fragt in einer Geschichte, die in  mythischer  Zeit
spielt,  nach  den  Namenlosen?  Oder  gehoeren  Sie  zu  denen,   die	 einen
historischen Film mit vielen Statisten nur anschauen,  um  den	unaufmerksamen
Studenten zu finden, der sich schnell ein paar Mark verdienen  wollte  und  in
der Aufregung vergass, die Uhr auszuziehen? Wie profan, liebe Leserin,	lieber
Leser. Aber gut, wenn Sie es gar nicht anders haben wollen,  fuegen  wir  hier
noch ein paar Statisten ein und geben der Szene noch ein wenig Lokalkolorit.

Sicherlich erkennen Sie die Dame, die  dort  auf  dem  Markt  steht.  Sie  ist
rundlich, traegt eine weisse Schuerze ueber dem weiten Rock  und  eine	weisse
Bluse, die huebsch mit ihrem roten Bustier  kontrastiert.  Sie	hat  apfelrote
Wangen und ein freundliches Laecheln, bei dem weisse Zaehne blitzen. Nein, die
Dame  ist  nicht  die  Gewinnerin  eines  Zahnpasta-Werbefilms,  sie  ist  die
Gemueseverkaeuferin. Sie  handelt  unter  anderem  mit	AEpfeln  und  ist  die
Urheberin des Spruches: Damit Ihr auch morgen noch kraftvoll zubeissen koennt,
Euer Exzellenz. Der Name dieser Frau ist in den Tiefen der Historie ertrunken,
sonst fuehrten ihre Erben bis heute einen Kampf um das Urheberrecht  an  ihrem
Werbeslogan.

Selbstverstaendlich wollen wir ein moeglichst  authentisches  Bild  entwerfen,
daher fuegen wir nun auch noch die dunkle Gestalt am anderen Ende des  Platzes
ein. Wie Sie sich schon gedacht haben, handelt es  sich  bei  diesem  Mann  um
einen Dieb. Er hat nur fuer diesen Absatz seinen Urlaub  auf  der  Ferieninsel
der Mythen unterbrochen, also zollen Sie ihm gebuehrende Aufmerksamkeit. Sehen
Sie, er winkt. Winken wir zurueck und lassen ihn seinen wohlverdienten	Urlaub
fortsetzen.

Moment, was hat der dicke, sonnenverbrannte Mann im Hawaiihemd mit der	Kamera
da zu suchen? Halten Sie bitte	einen  Augenblick  mit	dem  Lesen  inne,  ich
schaffe ihn eben dorthin zurueck, wo er herkam.

Danke, Sie koennen jetzt weiterlesen.

Bevor Sie danach fragen, will ich Ihnen  erklaeren,  was  es  mit  den	beiden
Kraehen auf sich hat,  die  auf  der  Winde  des  huebschen  Brunnens  in  der
Platzmitte sitzen. Es sind Turtelkraehen. Ihre Namen sind Ulo und  Azzuro  und
Sie werden die beiden noch besser kennenlernen.

